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Textauszug: «Der Weibling»

«Ich war erfüllt von einer Sehnsucht, die ich in dieser Stärke noch nie erlebt hatte. Es war nicht die Sehnsucht nach einer Frau, sondern die Sehnsucht, eine Frau zu sein. Hunderte von Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Ich wusste, dass es für mich als Mann unmöglich war, eine Frau zu sein, aber der Wunsch war so gross, dass mein Gehirn alle Möglichkeiten absuchte, die es geben mochte, um meinen Wunsch Wahrheit werden zu lassen. Von dem Tag an war ich besessen, besessen von der Sehnsucht, eine Frau zu sein. In einigermassen nüchternen Minuten versuchte ich zu ergründen, was mit mir geschehen war. Ich hatte von der Theorie gehört, dass man sowohl als Frau wie auch als Mann in den falschen Körper hinein geboren sein konnte. War ich eine Frau, die aus Versehen in einen männlichen Körper hinein geflutscht war? Auf stundenlangen Spaziergängen dachte ich darüber nach, und je länger ich das tat, um so stärker verwarf ich diesen Gedanken. Ich genoss meine männliche Sexualität, ich liebte es, Frauen beizuwohnen und mich dabei als Mann zu fühlen. Am liebsten hätte ich zwischen den beiden Geschlechtern hin und her gewechselt: eine Zeitlang als Mann leben und dann eine Zeitlang als Frau. Doch ich hatte nur diesen einen Körper, diesen männlichen. Ich setzte mich mit Schwulen zusammen und fragte sie aus; und Lesben desgleichen. Aber die Meisten waren zufrieden mit ihren Körpern und ihrem Geschlecht. Sie liebten es, als Mann mit einem Mann zusammen zu sein, oder als Frau mit einer Frau. Ich jedoch hatte den Wunsch, eine Frau zu sein, eine Frau mit dem Körper einer Frau. Je länger ich darüber nachdachte, um so klarer wurde mir, dass es unmöglich war, dass ich meine Sehnsucht nie würde stillen können. Umbauen lassen wollte ich mich nicht. Das Grauen vor dem Messer war zu tief in mir verankert. In dem Augenblick als ich das begriffen hatte, kehrte mein Realitätssinn zurück. Ich überlegte, wie ich der Verwirklichung meines Wunsches so nah wie möglich kommen konnte. Ich begann Frauen zu beobachten, die Art wie sie sich kleideten, wie sie sich schminkten, wie sie sich bewegten, wie sie sprachen - und wie sie schwiegen. Sogar im Schweigen waren sie anders als die Männer. Im Schweigen wurden sie zum Sinnbild, zum Symbol ihres Geschlechtes.»




Alle Rechte © www.theater-xxxl.ch - Original: 01.06.2005, letzte Änderung: 30.09.2007