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Textauszug: «Der Dramatiker»

... Am Bahnhof stand mein Vater. Er gab mir die Hand. Küssen war etwas für Weichlinge. «Wo ist Mama?» fragte ich. «Sie konnte nicht kommen». Mehr sagte er nicht. Bedrückt trippelte ich neben dem Mann nach Hause, der mir, seit ich denken konnte, lästig war. Ich war für ihn so etwas wie ein Haustier und er für mich ein täglicher Störfaktor. Am nächsten Morgen weckte er mich. Schlaftrunken ging ich zum Frühstückstisch. Er hatte eine grosse Muchel voll Dawamalt bereit gestellt und ein Brot mit Butter und Konfitüre geschmiert. «Wo ist Mama?» «Sie ist weg. Für immer». Das sass. Es war der KO-Schlag meines Lebens. Ich konnte nicht mal mehr schlucken und wurde zu Stein. Mein Hirn dampfte vor Unbegreifen. Ich konnte nichts sagen. Der Vater schwieg das Schweigen der Dummheit. Benommen ging ich in die Schule und setzte mich in meine Bank. Meine Mutter war weg, die Sonne meiner Kindheit, und mein Vater war schuld daran. Das war mir klar. Pause. Erhebt sich, macht ein paar Schritte, bleibt stehen, hält die Hände als Trichter vor den Mund und macht: Muuuuuuuh. Einige Rinder antworten in der Ferne. Er grinst und wird wieder ernst. Meine Kindheit wurde zu einer Höllenfahrt. Ich kam ins Gymnasium und musste zu einer Tante ziehen, die sauer auf mich war, weil ich der Sohn einer Schönheit war und sie eine unförmige Landpomeranze. Wir wohnten in Riehen, nahe am Wald, und das war gut. Ich gewann schnell Freunde. Wir streiften als Räuberbande durch das Gehölz, entdeckten Höhlen, kletterten auf Bäume und zeigten uns gegenseitig unsere unbehaarten Knabenpimmelchen. Immer wenn die anderen nach Hause gingen, sagten sie Sätze wie «Meine Mutter hat gesagt, ich müsse um vier zu Hause sein». Das schmerzte. Ich hatte nur diese Tante zu Hause, die mich als Last empfand, obwohl mein Vater ihr Geld gab. Nach einem Jahr flog ich aus dem Gymnasium. Mein Interesse am Lernstoff war gleich null. Alles, was ich wollte, war meine Mutter. Ich zersehnte mich fast nach ihr. Mein Vater mietete eine Wohnung an der Lothringerstrasse und holte ein Dienstmädchen ins Haus, Fräulein Zipfel. Sie hatte Käsefüsse, war faul und wollte sich meinen Vater angeln. Dieser spielte aber lieber Karten. Oft, wenn ich nachts auf die Toilette musste und die Tür zum Wohnzimmer öffnete, sassen in Qualmwolken eingehüllte Gestalten um den Tisch herum und pokerten um Geld. Die Scheine lagen haufenweise herum. Schweigt und hängt seinen Gedanken nach.
Seine innere Stimme: Wieso das alles wieder aufrollen? Ich bin einundsechzig, in wenigen Monaten zweiundsechzig. Ich habe eine Invalidenrente mit Ergänzungsleistungen und könnte in den Tag hinein leben, aber wenn ich es tue, beginne ich zu saufen wie ein Verrückter. Ich gehe in Kneipen und verprasse mein bisschen Geld. Denkt. Vor zwanzig Jahren habe ich in Hollywood gelebt und in Hawaii. Vielleicht sollte ich schweigen. Er schweigt und räuspert sich dann.
Der Spieler langsam jedes Wort betonend: Es gibt nur noch das Atmen ... Tag für Tag, Nacht für Nacht, Jahrzehnt für Jahrzehnt ... Denkt. In der Rio Bar machte mich Rolf mit Zen bekannt, der Absurdität des Suchens. Ich begriff zwar nichts, aber von da an interessierte ich mich für den Bereich «hinter den Dingen». Im Gefängnis las ich Bücher wie «Zen und die Kunst des Bogenschiessens», «Zen und die Kultur Japans», «Die Grosse Befreiung» und anderes: Hesse, Dostojewski und weiss der Teufel, was noch alles. Ich holte die Bildung nach, die ich in der Schule verschlafen hatte. Später habe ich selbst ein paar Bücher veröffentlicht, und jetzt frage ich mich, weshalb Existieren, weshalb Hoffen? Ich hoffe auf das Jenseits. Vielleicht ist dort der Teufel los mit Nektar und Ambrosia. Grinst. Einundsechzig Jahre und kein bisschen weise. Zuckt die Schultern. Es ist vorbei gehuscht, das Leben. Von einem Resultat kann ich nicht reden. Vielleicht bin ich einfach melancholisch. Jetzt muss ich an Indianer denken. Vielleicht habe ich zuviel Nonsens getrieben, wo ich hätte traurig sein sollen. Und ich stehe da und schaue ins Tal, während die Sonne wandert. Pause. Wo sind die Freunde, wo die Frauen? Wo die Tiere, die ich geliebt habe? All gone! Gone with the wind, entschwunden, vergangen. Denkt nach. Vielleicht könnte ich noch Dichter werden. Wer weiss. So ein richtiger Dichter, der von Lesung zu Lesung eilt und junge Frauen in seinen Bann zieht. Aber was mache ich mit einer jungen Frau? Vielleicht reden? Denkbar wäre es. Ich habe einige junge Frauen angetroffen, mit denen ich reden konnte. Aber kaum eine, mit der beides funktionierte, das Reden und die Liebe. Vielleicht redet wahre Liebe nicht. Das kommt mir bekannt vor. Jemand hat das wohl schon mal gesagt. Denkt nach ...




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