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Textauszug: źDie Säuferin╗

... Meine Kindheit war beschissen. Mit zwölf habe ich das meiner Mutter gesagt. Wir sassen im Auto auf dem Weg ins Shopping Center. Ich hab's einfach gesagt, ohne äusseren Anlass. Meine Mutter hat nicht mal leer geschluckt. Es gibt viele, die hatten keine beschissene Kindheit und saufen trotzdem. Welche Gedanken ich habe, fragt man mich hier. Was weiss ich. Ich habe allerlei Gedanken. Ich denke an den Wandel, dass sich alles stets verändert und man den Augenblick nicht festhalten kann. Ich denke an das Schöne, an die Musik, den Tanz, das Schauspiel, die Malerei. Alles ist da - wie auf einem Flohmarkt. Die Freude ist da, die Wonne, die Euphorie, die Ekstase, der Rausch. Dann die Ernüchterung, das Staunen, der Ekel, der Widerwille, die Gleichgültigkeit. Alles da. Heute dies und morgen das, ewig fliessend wie der Bach in seinem Bett. Man sollte betrachten können, einfach betrachten und atmen. Ruhig ein- und ausatmen und betrachten: den kreisenden Bussard am Himmel, die Wolken, den Wind, die Blätter an den Zweigen der Bäume, die Sonne, das Licht. Einfach betrachten, nichts sagen, nur schauen, sehen, erkennen, vielleicht geniessen. Aber dann? Irgendwann hat man genug betrachtet, die Zeit des Schauens ist vorbei, der Ruf des Handelns erschallt. Man muss sich umsehen, die Umgebung wahrnehmen, vielleicht hinein gehen. Dann dauert es nicht lange, und die Flasche liegt in der Hand. Automatisch, ohne Pathos oder Emotion. Sie liegt einfach da, ruhig und selbstverständlich. Dann das Glas, das Einschenken und der erste Schluck. Ein tiefes Ahh. Ruhe breitet sich aus, die Ruhe der Erde. Man geht nach draussen und setzt sich hin, der Bussard kreist vielleicht noch, andere Wolken ziehen über den Himmel, ein anderer Wind bewegt die Blätter. Es ist alles in Ordnung. Der zweite Schluck schmeckt noch besser. Man fühlt sich geborgen. Der Wein ist die Essenz der Erde, jeder Alkohol entstammt dem Boden, dem Grund. Jede Flasche hat ihren Grund und Boden, ihre Heimat im Schoss der Erde. Als ich ein keines Mädchen war, kannte ich schon die Einsamkeit. Darüber wundere ich mich heute noch. Bis vor meiner Einlieferung in die Psychiatrische bin ich ab und zu in den Park gegangen und habe kleine Kinder beobachtet. Ich wollte in sie hinein sehen, wollte ihr innerstes Befinden erkennen. Ich weiss nicht, ob mir das je gelungen ist. Meine eigene Einsamkeit habe ich woanders nie entdeckt. Vielleicht entzieht sich Einsamkeit generell dem fremden Blick. Seufzt. Ich weiss es nicht. Auch in Büchern habe ich die Einsamkeit nicht entdeckt. Was ich da las, kam mir grob, ungenau, oberflächlich vor, eine Art Einsamkeit für die Masse, für Otto Normalverbraucher. Meine Einsamkeit war subtil, verletzlich zart und dennoch unzerstörbar; sie quälte mich und erfüllte mich mit einer existenziellen Angst. Ich war einerseits introvertiert und nervte andererseits die Erwachsenen mit meiner ständigen Fragerei. Ich litt unter Fragezwang, wurde aus meinem Inneren heraus zu Fragen gedrängt. Vielleicht hoffte ich auf Antworten, die mich von der Einsamkeit befreien würden. Aber ich hoffte vergeblich. Ich litt mich durch die Sklaverei der Kindheit, durch die Atmosphäre dauernder Spannung zwischen den Eltern. Ich war hilflos, ratlos und mutlos, aber in-tel-li-gent! Zuckt die Schultern. Seufzt. Ich war so intelligent. So verdammt in-tel-li-gent. Springt auf. Niemand konnte mir das Wasser reichen. Ich war die süsse, kleine Intelligente, das kluge Reginchen. Aber es bedeutete mir nichts. Tonlos. Im tiefsten Inneren bedeutete es mir nichts. Ich hatte Visionen, die mich beutelten. Da nützte meine ganze Klugheit nichts. Ich sah die Erdkugel sich aus dem Universum lösen und fallen. Sie fiel und fiel und fiel und fiel, unendlich lange. Und ich fiel mit, immer tiefer und tiefer und tiefer in den Schlund des Grauens. Es gab kein Entrinnen. Selbst als Tote fiel ich noch mit, im Grabe liegend, unaufhaltsam, ewig, gnadenlos, ohne Ende, ohne Hoffnung. Pause ...




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