www.rene-schweizer.ch
                 

Standort: Werk > Weitere Texte > Geschenk für einen Onkel

Geschenk für einen Onkel

Stell dir vor, es kommt jemand daher - irgend jemand - und fragt: "He du, kannst du mir sagen, worum es geht? Ich bin neu hier."
"Wie - worum es geht? Was meinst du?"
"Das Leben und all das Zeug."
Da kratzt du dich am Kinn und denkst bei dir: Was ist denn das für ein Schlaumeier. Und du sagst: "Was weißt du denn?"
"Nichts."
"Gar nichts?"
"Überhaupt nichts."
"Nichts."
"Das ist nicht viel."
"Es ist nichts."
"Aber wenn du nichts weisst, mein Freund", sagst du freundlich wie ein Onkel, "wie willst du dann je wissen, was etwas ist? Nichts ist die völlige Abwesenheit von etwas."
"Ich habe gehört, dass dort, wo nichts ist, alles Platz hat."
"Ah, die Leere?"
"Der Raum."
"Der Raum ist nicht nichts; er ist der Raum, ein Etwas mit drei Dimensionen."
"Und wenn nichts in dem Raum ist?"
"Dann ist es ein Etwa mit nichts drin, ein Etwas ohne Inhalt."
"Die Leere."
"Könnte man sagen, ja."
"Aber wenn sie in dem Raum ist, dann ist sie doch etwas."
"Das Nichts."
"Das Nichts als ein Etwas."
"Sobald die Sprache sich mit etwas beschäftigt, ist es etwas. Die Sprache ist nicht in der Lage, sich über nichts zu unterhalten."
"Frauen können das."
"Pssst, das ist ein Geheimnis."
"Was machst du am nächsten Donnerstag?"
"Da verkaufe ich meinen blauen Anzug."
"Ich nehme ihn."
"Er ist zu gross für dich."
"Ich schenke ihn deinem Onkel."
"Der ist gestorben."
"Ich lege ihn ihm auf den Grabstein."
"Er ist kremiert worden."
"Dann schenke ich ihn der Heilsarmee."
"Gute Idee."
"Also dann bis Donnerstag."
"Bis Donnerstag."
"Kyrieleison."
"Petri Heil."




Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 20.08.2007