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UNART

ART12'81

Anlässlich der Basler Kunstmesse ART12'81 bekam ich von der Messeleitung zweihundert Quadratmeter Bodenfläche für meine Konzept-Ausstellung UNART zur Verfügung gestellt. Inspiriert von Joseph Beuys' Aussage, jeder sei ein Künstler, und jener Andy Warhols, dass alles Kunst sei, stempelte ich im gesamten ART-Areal mit unterschiedlich grossen Stempeln alles zum Kunstwerk, was die Leute mir hinstreckten, von Mädchenpopos über Reisepässe und Original-Lithographien bis zu echten Banknoten (zumeist der Sorte DM).
Ein grosser Teil der Ausstellung widmete sich dem Thema Face Building, dem GAGA-Weg ins grenzenlose Glück, einer vom Body Building inspirierten Grimassenphilosophie für Festentschlossene und Belesene. Zur UNART gehörte auch das Happening GAGAmemnons Zahntechnikerparty im Hof der Rundhofhalle, einer Irritationsshow zur Demonstration, dass "gratis Fressen und Saufen" den Menschen emotional immer noch näher liegen als die meiste Kunst.
Im Videoraum zeigten meine jungen Mitarbeiter aus der Basler Haute Volée einen Film mit Publikumsbefragungen auf den Strassen der Stadt. Beispiel: Wie schwer ist der Barfüsserplatz? Oder: Wieso mögen Sie Steinpilze nicht? Mein UNART-Partner war der legendäre Kölner Allroundaktivist Ingo Kümmel selig.

Kunst und Gegenkunst

Im Süden unseres Erdteils begann sich in der griechischen Antike der Begriff der Wirklichkeit zu bilden, wie Gottfried Benn sagt. Das Ich entfernte sich sinnlich von der Materie, der Gegensatz von Aussenwelt und Ich entstand. Diese Trennung des Men-schen von seiner Umwelt führte zum Raubbau am Reichtum der Erde und in die mo-derne Schizophrenie des Geistes. Damit diese immer rasanter dahin galoppierende Entwicklung nicht ins Verderben führt, bemüht sich die zeitgenössische Kunst in ei-nem Allfrontenkrieg unter Einsatz ihres gesamten Arsenals an Phantasie, Talent und Witz um Aufklärung über diesen Zustand. Was sie dabei bisher übersehen hat, ist Folgendes: Um die Spaltung Schöpfung/Geschöpf sichtbar und den Weg der Heilung erkennbar machen zu können, muss die Kunst dieses Weltprinzip des Dualismus selber klar und unmissverständlich vorleben. Als Erzieherin der Menschheit, zu der sie sich in der neueren Zeit entwickelt hat, muss sie sich selbst immer wieder von Neuem in Frage stellen, so wie das Geschöpf (der Mensch) die Schöpfung und da-mit - als deren Teil - sich selbst immer wieder von Neuem in Frage stellt. Die Kunst muss zum Spiegel der polaren Wirklichkeit werden; das kann sie nur dann wirklich, wenn sie sich ihren eigenen Gegenpol erschafft und diesen mit einem klaren Begriff fassbar macht: Gegen-Kunst, Un-Kunst, UN-ART. Die Kunst muss in den Kampf mit sich selbst treten, sie muss sich selbst in Frage stellen, sich selbst verhöhnen, ausla-chen; sie muss sich an sich selbst, an ihrem eigenen Spiegelbild messen, an ihrem Widerpart reiben, abschleifen, und so: vervollkommnen. Nur wenn sie diesen Weg klar beschreitet, kann sie aus ihrem gegenwärtigen Leerlauf ausbrechen, hat sie die Chance, zu einem Instrument zu werden, welches den Menschen aus seinen eige-nen Klauen zu befreien vermag. Das Beispiel ihres konsequent vorgelebten Wahn-sinns soll dem Menschen dessen eigenen Wahnsinn bewusst und plausibel machen.

Basel, 29.02.1981

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Bilder von UNART von Vera Isler-Leiner
Weitere Bilder aus dem Atelier 1981




Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 11.12.2008