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Standort: Werk > Kolumnist > Zur Hölle mit dem Fegefeuer (Nr. 40, 23.07.2002)

Zur Hölle mit dem Fegefeuer

Am 1. Juni hätte ich eine Klassenzusammenkunft gehabt. Vierzig Jahre Matur. Ich bin nicht hingegangen. Ich wollte mir den Anblick der ausgeturtelten Säcke ersparen.
Zwar bin ich selber ein solcher Sack, aber dreissig Exemplare aufs Mal wären zu viel für mich gewesen. Das Altern ist zwar absolut notwendig, wie das Verdauen von Speisen, aber trotzdem eine Unverschämtheit. Wir kommen auf die Erde und werden von der Umwelt verdaut und dann ausgeschieden.
Nie hätte ich mit vierzehn gedacht, dass ich auch einmal so alt werden könnte wie die überall herumlungernden Säcke mit ihren zerknautschten Visagen, die nur darauf aus waren, uns vom fröhlichen Leben abzuhalten. Wäre es mir bewusst gewesen, so hätte mich vor Schreck der Schlag getroffen. Nun werde ich in ein paar Tagen neunundfünfzig, automatisch und ohne gross mitbekommen zu haben, was sich da anbahnte: Ein sogenannter Lebensabend als alter Furz. Es kommt ein Tag nach dem andern und geht ein Monat nach dem andern, ein Jahr nach dem andern. Wie bisher. Aber jetzt wird mir langsam klar, dass mein Auftritt einmal ein Ende hat und die Zeit für den Abtritt näher rückt.
Aber wenn ich dereinst diese Bühne verlasse, gehe ich direkt in die Jenseitskantine und schmeisse eine saumässige Party. Dieses Bild habe ich mir in langen Märschen durch das Gebirge erarbeitet. Mir war schon früh klar, dass man nicht bloss sein Diesseits selbst gestaltet, sondern auch sein Jenseits. Die Unausgekneteten und Weggerutschten aller Religionen können mir mein Bild nicht mehr wegblöken. Zum Teufel mit den Todespsychosen, und zur Hölle mit dem Fegefeuer. Amen und hösch.


Kolumne im Baslerstab vom 23.07.2002




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