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Standort: Werk > Kolumnist > Der Dreck ist relativ jung (Nr. 36, 14.05.2002)

Der Dreck ist relativ jung

Mein Herd ist schmutzig, und das Universum ist fünfzehn Milliarden Jahre alt. Mein Herd steht im Universum und ist deshalb auch fünfzehn Milliarden Jahre alt. Nicht als Herd. Im Urknall war mein Herd noch kein Herd, sondern vielleicht so etwas wie die Voridee eines Herdes. Irgendwie gab es ihn, aber er war noch kein Herd. Und da etwas nicht Existentes unvorhanden ist, konnte mein Herd in diesem Vorzustand auch nicht schmutzig sein, höchstens im übertragenen Sinn, so wie es schmutzige Gedanken oder eine dreckige Gesinnung gibt.
Im Urknall gab es noch keinen konkreten Dreck. Da herrschte das Chaos aus Teilchen und Antiteilchen. Und die waren allesamt sauber, rein und unbefleckt. Es war der vordreckige Zustand des Universums. Erst nach und nach entstanden die Atome und Moleküle. Daraus konnte dann nach vielen Milliarden Jahren Dreck entstehen. Aber erst der Mensch war genial genug, um die Gelegenheit der Dreckproduktion auch wahrzunehmen. Dreck gibt es nur als Gegensatz zu Sauberkeit. Also musste der Mensch zuerst die Sauberkeit erfinden. Und wenn er die vernichtete, entstand Dreck. Dreck ist das Resultat von aktiver oder passiver Sauberkeitsvernichtung. Und jetzt tragen wir alle schwer an dem Joch der passiven Sauberkeitsvernichtung.
Wir leiden unter dem kleinen Bruder des Drecks, nämlich dem Staub. Eigentlich sollte man ihn verbieten. Aber das geht nicht wegen dem Verlust an Arbeitsplätzen. Was würden alle die Hausfrauen und Raumpflegerinnen machen? Vielleicht könnte man sie in der Weltraumpflege einsetzen, denn der Orbit um die Erde soll ja auch schon ein richtiger Saustall sein.


Kolumne im Baslerstab vom 14.05.2002




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