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Standort: Werk > Kolumnist > Stolz zu sein bedarf es wenig (Nr. 13, 30.03.2001)

Stolz zu sein bedarf es wenig

Wenn ich die Holztreppe meiner Grossmutter mit Stahlspänen abgeschliffen, mit Bodenwichse eingerieben und poliert hatte, war ich stolz. Ich hatte etwas geschafft. Wenn ich drei neue Strophen aus Schillers Bürgschaft auswendig rezitieren konnte, war ich stolz. Ich hatte etwas geschafft. Wenn Tarzan im Heftli die guten Tiere gegen die bösen Menschen verteidigt hatte, war ich stolz. Er hatte etwas geschafft, und ich war sein glühender Fan. Auf mein Land war ich nie stolz, denn ich weiss nicht, was ein Land ist, ich habe noch nie eins gesehen. Zwar bin ich schon im Flugzeug geflogen, aber eine Nation habe ich nirgends sehen können, nur Berge, Felder, Wälder, Seen, Flüsse, vielleicht mal eine Kirche, ein Schwimmbecken oder eine Wandergruppe. Nationen sind Behauptungen, Fürze ohne Bedeutung, vergleichbar mit dem mittelalterlichen Wahn der Kirche, die Erde sei eine Scheibe. Die Kirche hat ihren Wahn lange durchsetzen können. Mit radikaler Repression und einem Riesenblabla. «Blablabla, die Erde ist flach, blablabla. Wer sagt, sie sei rund, blablabla, ist vom Satan beeinflusst. Blablabla.» Galileos Schriften waren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Index des Vatikans.
Sobald wir auf die Welt kommen, rasen die Irren herbei und stopfen uns die Ohren mit ihrem Quark voll. Wenn man fragt: «Woher weisst du das?» schauen sie einen verblüfft an und lächeln mitleidig. «Ist doch klar, weiss doch jeder.» Ich zum Beispiel habe keine Ahnung, ob es ein Leben nach dem Tode gibt oder nicht. Aber fragen Sie mal rum. Jede und jeder sagen entweder ja oder nein. Dabei wissen sie es wahrscheinlich genau so wenig wie ich, aber ihr Stolz will, dass sie eine Meinung haben.


Kolumne im Baslerstab vom 30.03.2001




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