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Standort: Werk > Kolumnist > Wo die Riesenkraken lauern (Nr. 12, 16.03.2001)

Wo die Riesenkraken lauern

Seit meinem Eintritt in die Schule werde ich mit etwas konfrontiert, das mich anwidert: die Tiefe. Immer dieses Hinterfragen, Hinabtauchen in die Dunkelheit, die Heimat der Riesenkraken. Armeen von Schauflern und Buddlern, von Schürfern, Grüblern und Baggerern stimmen Hymnen auf die Unterwelt an und versuchen mit bedeutungsvollen Mienen aus natürlich Heiteren verwirrte Irre, aus Glücksbegabten «Normale» zu machen.
Wer sich dem infamen Spiel entzieht, wird als oberflächlich und nichts sagend bezeichnet. Dabei ist in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall. Die Bohrer sind die Debilen, denn wer unablässig in die Tiefe taucht, verliert den Kontakt zur Höhe. Wer dem Tiefsinn das Ruder überlässt, vergisst nach und nach das Lachen und öffnet damit den Krankheiten Tür und Tor. Dass das Lachen lebensnotwendig ist, hat ja endlich auch die Wissenschaft nachgewiesen. Man muss nicht ständig allem auf den Grund gehen, um ein erfülltes Leben zu führen. Und man muss auch nicht immer alles wissen. Man kann die Dinge auch nehmen, wie sie sind. Das ist oft gesünder. Viel zu viele Süchtige des Tiefenrausches erleben keine Höhenflüge mehr. Die Besessenen des Auslotens, die Fanatiker des Ergründens sind zur Mode geworden und in den Verhaltenskodex des Alltags eingegangen. Wir begegnen ihnen überall, in den Feuilletons, den Theatern, auf der Strasse, in Kneipen, Zügen, Wartsälen und Waschküchen.
Wir müssen davon loskommen und uns wieder auf die Höhe besinnen, das Lachen und Heitere. Denn nur im Lachen gewinnen wir den Abstand, aus dem heraus sich Probleme wirklich erkennen und lösen lassen. «Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt - ein Bettler, wenn er nachdenkt.»


Kolumne im Baslerstab vom 16.03.2001




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