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Standort: Werk > Kolumnist > Die Zeiten sind schwierig (Nr. 10, 16.02.2001)

Die Zeiten sind schwierig

Eine meiner Exfreundinnen weiss nicht, was Visionen sind. Sie hält sie für Hirngespinste. Manchmal bin ich mir selbst nicht sicher, denn immer wieder kommt es vor, dass ich etwas zu Papier bringen muss, weil mein Schädel zu platzen droht. Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Ich schrieb Folgendes nieder:
Nachdem Jack Mogadischu seine Unterhosen gebügelt hatte, holte er den Stadtplan hervor und suchte nach der Union Street. Er hatte zwar nichts vor, denn der letzte Auftrag lag ein paar Monate zurück, aber er konnte nicht einfach dasitzen und in den grauen Morgen starren. Er war das nicht gewohnt. Und er mochte Stadtpläne. Auf Anhieb fand er die Union Street und musste plötzlich an Monique denken. Sie hatte mit ihm Theater gespielt. In dem Stück «Vater Tschang» von Ordinario Montezuma. Monique spielte eine cholerische Gewichtheberin und er den Souffleur des Kaisers. Das war lange her. Was mochte Monique jetzt tun, fragte er sich. Wahrscheinlich hatte sie sich die Haare gefärbt und ein Blasorchester gegründet. Naja, so spielte halt das Leben. Die Union Street. Gab es wohl den kleinen Laden noch, der polnische Schuhbürsten verkaufte? Jack kratzte sich an der linken Fusssohle. Wenn ich Geld hätte», dachte er, dann würde ich mich in ein Motorboot setzen, von Waisenhaus zu Waisenhaus fahren und Yoyos verteilen. Er grinste.
In seinen Augen blinkte etwas auf. Das Grinsen erlosch. «Es ist vorbei», hauchte er, holte den Fünfundvierziger aus dem Schulterhalfter und erschoss seinen Schatten. Ein Mann muss manchmal Dinge tun, dachte er, die er selbst nicht begreift. Dann ging er zum Kühlschrank und machte sich ein Mortadellasandwich.» War das eben eine Vision oder ein Hirngespinst?


Kolumne im Baslerstab vom 16.02.2001




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