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Standort: Werk > Kolumnist > Sokrates und das Orakel von Delphi (Nr. 4, 24.11.2000)

Sokrates und das Orakel von Delphi

Nachdem Chairephon das Orakel von Delphi gefragt hatte, ob jemand weiser sei als Sokrates, hatte dieses geantwortet, niemand sei weiser. Als Sokrates davon hörte, überlegte er, was der Orakelspruch wohl bedeuten mochte. Er hielt sich selbst nämlich nicht für weise. Um der Sache auf den Grund zu gehen, erkundigte er sich, wer in Athen im Rufe stand, weise zu sein. Es wurden ihm einige Namen genannt.
Einer davon war der eines Politikers. Sokrates ging zu diesem Manne hin und versuchte herauszufinden, was ihn weise machte. Bald erkannte er, dass der Mann sich für weise hielt, es jedoch gar nicht war. Sokrates dachte: «Er bildet sich ein, etwas zu wissen, obwohl er nichts weiss, während ich, der ich nichts weiss, mir auch nicht einbilde, etwas zu wissen. Offenbar bin ich im Vergleich zu ihm um die Kleinigkeit weiser, dass ich nicht zu wissen glaube, was ich nicht weiss.» Dann ging Sokrates zum nächsten, der ihm genannt worden war, und gewann genau denselben Eindruck wie beim ersten. Er suchte alle Leute auf, die in dem Rufe standen, etwas zu wissen, denn er wollte die Bedeutung des Orakels ergründen. Und überall passierte ihm dasselbe. Alle wussten zwar etwas, bildeten sich aber ein, mehr zu wissen, als sie tatsächlich wussten.
So kam Sokrates zu der Einsicht, dass die menschliche Weisheit nur wenig wert ist oder rein gar nichts. Er beugte sich dem Urteil seiner Richter, die ihn wegen Verführung der Jugend angeklagt hatten und trank den Giftbecher aus. Seither sind fast zweieinhalbtausend Jahre vergangen, und die Lage ist noch dieselbe. Zwar ist der Spruch «Wissen ist Macht» dazu gekommen, aber was heisst das schon im Zeitalter des World-Wide-Web, genannt Internet?


Kolumne im Baslerstab vom 24.11.2000




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