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Standort: Werk > Kolumnist > Regen im Schiffbau (Nr. 3, 01.10.2000)

Regen im Schiffbau

Einen Brief sollte man nicht mit «Ich» beginnen. Das hat man mir irgendwann einmal eingebläut. Bei einer Kolumne bin ich mir nicht so sicher. Aber ich glaube, es macht sich auch nicht besonders gut. Deshalb versuche ich es gar nicht erst. So, jetzt darf ich den nächsten Satz mit «lch» beginnen. Schon beim zweiten wäre es statthaft gewesen, aber da wusste ich nicht, wie. Jetzt ist dies hier schon der achte Satz. Zählen Sie nach!
Aber ich beginne erst den Zehnten mit «lch», weil ich diesen Neunten dazu brauche, um Ihnen dieses «lch» anzukündigen. Wenn ich es jetzt in diesem zehnten Satz doch nicht mache, liegt es daran, dass mir noch dieser Satz eingefallen ist, den Sie jetzt gerade lesen. Oh, der Kugelschreiber ist runter gefallen. Augenblick bitte... So, jetzt hab ich ihn wieder. Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht? Die Pünktchen gezählt? Es sind zehn. Wenn es nicht zehn sind, hat jemand an meinem Text herum laboriert. Das kommt nämlich vor. Sobald man ihn abgeliefert hat, liest ihn jemand, den man nicht kennt, und ersetzt ein paar Wörter durch solche, die ihm oder ihr besser gefallen. Man hat keine Chance. Aber zurück zum «lch». Jetzt ist die Zeit reif dafür: Ich spiele in Zürich Theater.
Im Sommernachtstraum von Shakespeare. Open-Air im Atrium des neuen Schiffbau-Kulturkomplexes. Von bisher sieben Vorstellungen haben vier im Regen stattgefunden. Regisseur, Kostümbildnerin, Requisite und Technik haben das in ihre Planung einbezogen. Nach meinem Hauptauftritt liege ich auf einer Matratze und starre in den Himmel. Wenn es regnet, muss ich blinzeln. Das letzte Mal überlegte ich dabei, wie es wäre, meine nächste Kolumne mit dem Satz «Einen Brief sollte man nicht mit Ich beginnen» einzuleiten. Jetzt wissen Sie es.


Kolumne im Baslerstab vom 01.10.2000




Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 17.02.2006