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Standort: Werk > Kolumnist > Heidi und der Inder (Nr. 1, 01.09.2000)

Heidi und der Inder

Am Spalenberg. 15.28 Uhr. Ich eile. Um 15.30 habe ich mit Heidi in der Restauration zur Harmonie abgemacht. Plötzlich steht ein Inder da. Er hält mir eine in Plastik eingeschweisste Visitenkarte hin. Ich blicke sie an, kann aber nichts aufnehmen - die Eile! «You are a lucky man» sagt er.
Ich runzle die Stirn. «Thank you», sage ich. «Bald werden grosse Dinge passieren in Ihrem Leben.» «Ah?» sage ich. «Was machen Sie beruflich?» fragt er. Wie Rudi Carrell, denke ich und sage: «Verschiedenes. Zur Zeit bin ich Schauspieler.» «Und sonst?» «Schriftsteller.» «Ah?» sagt nun er. «Haben Sie einen Moment Zeit?» «Nein, ich bin in Eile.» «Nur ein bisschen.» «lch habe abgemacht.» «Wann?» «Jetzt!»
Es ist 15.30 Uhr. «Ah», sagt der Inder wieder, schaut mir tief in die Augen und entlässt mich mit einem warmen Händedruck. Ich eile den Spalenberg hoch. Heidi ist schon da. Und alle Vöglein. Es ist 15.32 Uhr. «Sorry, ein Inder hat mir die Zukunft vorausgesagt», keuche ich. Sie lächelt mich an. «Was hat er gesagt?» «You are a lucky man.» «Das weiss ich auch ohne einen Inder.» Ich grinse und bestelle eine Stange.
Heidi lächelt immer noch. «Woher weisst du eigentlich, dass ich ein glücklicher Mann bin?» frage ich. «Du hast mich», strahlt sie, «das macht dich glücklich.» Dieser Inder, denke ich, kommt den langen, weiten Weg bis zum Spalenberg und löst Visionen aus. Was machen eigentlich die Zürcher, die Glarner, die Neuseeländer?
«Was denkst du?» fragt Heidi und ergreift meine Hand auf der Tischplatte. «An den Zufall», sage ich. Sie lächelt und hört nicht auf, mir tief in die Augen zu schauen. Vielleicht ist sie endlich die Richtige, denke ich mir, und nehme die Stange vom Bierdeckel.


Kolumne im Baslerstab vom 01.09.2000




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