www.rene-schweizer.ch
                 

Standort: Werk > Dichter > An den Wind

An den Wind

Dir, mein Freund
will ich mitteilen,
was mir widerfahren ist,
seit ich bei den Sterblichen bin.

Es begann an einem Sommertag.
Mir wurde Geburt zuteil.
Erinnerung fehlt.
Angenehm war nichts -
das vermute ich im Rückblick,
denn Absonderung von der Vollkommenheit,
Eintritt in die Welt der Abgrenzungen,
ist Schmerz, ist ungestillter währender Durst.

Die Sterblichen kennen einen Dreh:
Sich fügen, Schicksal akzeptieren, ja sagen.
Ich kenne den Preis nicht.
Vielleicht ist er zu hoch.
Vielleicht heisst der Preis ewige Drehung
im monotonen Kreis der Inkarnationen.

Ich habe versucht,
Wissen zu erlangen.
Ich habe versucht,
menschliches Tun und Streben
mitzumachen.
Ich habe versucht,
Sprache zu lernen,
im Chor der Verlorenen
mitzusingen.

Lieber Wind,
Freund,
nichts ist mir gelungen.

Ich habe mich bemüht,
bei Frauen Heimat zu finden.
Ich habe mit aller Kraft versucht,
mich zu geben.
Doch ich konnte mich nicht hervorholen.
Zu tief bin ich in mir drin.
Zu gross ist die Angst,
ein Verlorener zu werden,
ein Schwacher,
ein Sterblicher.

Ich, der Unsterbliche,
der Götternarr,
der Leuchtende unter Schatten,
bin nun im Bild.
Mein Weg ist klar,
das Ziel ist fern.
Und Du, mein Wind,
bist der einzige,
der wirklich wahre
und echte
Freund.

Noch oft wirst Du wohl
meine Klagen hören,
denn Du bist derjenige,
der mich hören kann,
der mich versteht,
der weiss,
wovon ich rede:
Wein,
Freund,
Tränen wollen kommen,
Tränen der Einsamkeit,
Tränen der Ahnung
um eine Verantwortung,
die Menschenschultern nie getragen.
Tränen, Tränen, Tränen,
Zeit, Zeit, Zeit,
Dauer, Dauer, Dauer,
Licht, Licht, Licht,
Heimat,
Ankunft,
Erfüllung,
Ziel.

Wind,
Freund,
blas die Gedanken weg,
nimm von mir
alles Wissen,
lass mich sein,
nur  s e i n.

Ich werde tun,
was zu tun ist,
werde erfüllen,
wozu ich gekommen,
werde annehmen,
was ich gewählt.

Nichts ist so schrecklich
wie das Sein
bei den Sterblichen.
Sie sind so halb,
so arm,
so grauenhaft
unwirklich,
so schattenhaft,
schemenhaft,
so flüchtig,
unfassbar
und nichtig.

Wind,
begleite mich,
gib mir Kraft,
lass mich Wärme spüren,
Kraft,
Hoffnung,
Rasanz.

Wind,
einziger Freund,
beschütze mich
vor dem Gedanken
an den Menschen.
Lass mich ihn vergessen.
Er ist ein Trugbild,
ein Wahn,
das blanke,
reine
Unvorhandene.
Das Unvorhandene
im Gewand der Lüge.


René Schweizer, 1982



Aus dem Schweizerbuch Band 3




Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 11.10.2007