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Im Paradies

Als ich in Wailuku wohnte,
ergab es sich manchmal,
dass ich frühmorgens
in meine Mühle stieg
und an die Baldwin Beach blochte.
Das war die beste Beach weit und breit -
für mich jedenfalls.
Ich parkierte den Vierräder,
ergriff mein Beach Towel,
ein Buch und das Sonnenöl.
Der Strand war noch ziemlich leer
und ich legte mich irgendwo hin,
wo es mir passte.
Die Sonne wärmte mich
und erfüllte mich mit Ruhe.
So mochte es vor Tausenden von Jahren
gewesen sein.
Noch keine Asphaltbänder,
McDonalds und Pizza Huts.
Ich hatte Mitcheners "Hawaii" gelesen
und wusste, wo ich war.
Oder bildete es mir ein.
Ich sah die lange Zeit
der Unberührtheit
nach dem Auftauchen
der Inselgruppe und seufzte.
Das verlorene Paradies!
Leere erfüllte mich
und ich ging ins Wasser,
spielte mit den Wellen.
schwamm hinaus
und hundert Yards parallel zum Ufer.
Ich tauchte mit geschlossenen Augen,
machte kopfvoran eine Rolle
und genoss die liebliche Wärme
des Pazifiks.
Ein Kind hätte sich nicht besser
amüsieren können.
Ich lachte übermütig,
wenn mir Wasser in den Mund kam
und ich es aus der Luftröhre
husten musste.
Nach vielleicht einer Stunde
legte ich mich zum Trocknen hin
und ging dann zum Wagen zurück.
Auf der Heimfahrt
sah ich mich zufällig
im Rückspiegel.
Meine Stirn lag in Falten.
Das irritierte mich.
Was ist denn los?
fragte ich mich.
Bist du nicht glücklich?
Ich überlegte und verneinte.
Die Stirn legte sich
noch mehr in Falten.
Ich war völlig verunsichert
und trat aufs Gaspedal.
In der Vineyard Tavern,
meiner Stammkneipe,
bestellte ich ein Miller lite
und einen Doubleshot Jack Daniels.
Eine Stunde später
war alles wieder im Lot.


René Schweizer, 2009




Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 11.08.2009