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Ode an die Einsamkeit

Ich bin der Mann, den ihr bewundert.
Ich bin der Mann, an den ihr glaubt.
Doch ich bin nicht ein englisch Pfund wert:
Ich bin all meiner Kraft beraubt.

Vor Zeiten, ja, da war ich mächtig.
mein Herz war frei, mein Geist intakt.
Da kam ein Mägdelein gar prächtig,
sie hat mich an der Seel' gepackt.

Zunächst, da liebt' ich sie ganz zärtlich
von fern mehr und aus Distanz.
Doch sie hat mehr und mehr verehrt mich,
das ging ans Herz und packt' mich ganz.

Zusammen gingen wir durch Wälder,
auf Berge hoch und an den See
und über weite, reife Felder,
in Eintracht noch und ohne Weh.

Dann packt' die Furcht die Maid im Herzen,
sie hatte Angst sich zu verliern,
sie floh, um nicht vor Schmerzen
dereinst den Geist sich zu verwirrn.

Zu einem andern zog sie weiter,
der ungefährlich für sie war.
Bald war ihr Herz auch wieder heiter,
sie träumt' von grosser Kinderschar.

Mich liess sie stehen ohne Bangen,
für sie war ich der starke Mann.
Sie sah nicht, wie ins Herz mir drangen
die Schmerzen mit den Stacheln dran.

Ich heulte auf und schrie verwundet,
die Einsamkeit erfasste mich.
Für sie schien alles abgerundet -
ein Abenteuer lediglich.

Da bat ich alle Macht auf Erden
zu strömen in mein Herz,
bat, dass ich möge kräftig werden,
besiegen dürfen meinen Schmerz.

Doch Illusion war all mein Hoffen,
die Wunde blieb bestehen.
Ich hab die Einsamkeit getroffen,
nachdem ich kurz das Glück gesehn.


René Schweizer, 1982



Aus dem Schweizerbuch Band 3




Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 11.10.2007