www.rene-schweizer.ch
                 

Standort: Werk > Dichter > Alter Sack vor dem Abkratzen

Alter Sack vor dem Abkratzen

Jeder Tag beginnt damit,
dass ich zu spät aufstehe.
Ich weiss das immer schon zwei, drei Stunden vorher.

Ich wälze mich und lasse mich ins Traumreich zurück sinken.
Oft sind es unangenehme Träume,
aber immerhin besser als die Realität.
Die ist dumpf und rücksichtslos gleichförmig.

Am Morgen der Grüntee mit Kamille,
das anstrengende, suchtartige Zähneputzen
wie von Frau Gygax von der Volkszahnklinik gelernt.

Dann die Dusche mit Kopfwaschen
und Intimbereichreinigung.

Dann das Einreiben der Spezial-Lotion gegen den Juckreiz
in die feuchte Haut von Brust und Bauch.

Jeden zweiten, dritten oder vierten Tag eine Rasur.

Das Aussuchen der Unterwäsche.
Das Überstreifen der Unterwäsche.

Das Durchschreiten des langen Raumes bis zum Computersitzplatz.
Anstellen und Warten.
Sinnloses Umherschauen im Raum, um die Zeit des Wartens tot zu schlagen.

Outlook öffnen.
Zehn neue Mails,
acht davon SPAM,
eine das tägliche Zitat aus Österreich.
Dazu das Angebot für eine preiswerte Zimmerpalme.

Während des Löschvorgangs kommt noch eine Mail rein.
Von Henry aus Amerika.
Er ist mit über vierzig ausgewandert, hat geschuftet und Millionen verdient.
Jetzt hat er Krebs. Das übliche Schicksal.

Früher haben wir viel gelacht.
"Was isch wo, wenn nüt niene-n-isch?" hat mal einer gesagt.
Und "Niemerem sage - Schwartemage" ein anderer.

Mir ist nie etwas von ähnlicher Schlagkraft eingefallen.
Bloss vielleicht:

    Mein Furz
    war zu kurz


René Schweizer, 2006




Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 29.08.2006