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Werk

Nie hätte ich geahnt, was mir im Verlaufe der Jahre alles in den Sinn gekommen ist, was ich geschrieben und beschrieben, entworfen und verworfen, gestaltet, verwaltet, organisiert, initiiert, bewundert, verachtet und verarscht, akzeptiert, erlitten und genossen, verpasst und ignoriert habe - wenn nicht dieser Verrückte zu mir gesagt hätte: "Komm, wir machen eine Web Site über Dein Gesamtwerk."
Jetzt beginnt irgendwie alles nochmals von vorne: Ich stehe als ABC-Schütze mit einem Kissen im Hemd als Bäcker in einem Stück unseres Lehrers vor meinen grölenden Zuschauern, ich schwanke über eine Bauchtanzbühne in Tanger, bekomme einen ausgestopften Büstenhalter umgeschnallt und tanze wie ein Tanzbär, während die Touristen und Einheimischen wiehern; ich liege im heissen Juli 1968 auf der Pritsche des Mailänder Stadtgefängnisses San Vittore in Auslieferungshaft und höre mir aus dem Lautsprecher Patti Bravos "E tu mi butti giù" an und vergehe als Vierundzwanzigjähriger vor Sehnsucht nach einem wohlgeformten Frauenkörper; ich lebe in Maalaea am Strand der Hawaii-Insel Maui in einem Luxusapartment und schreibe ein Auftragswerk über einen Mann, der alles verliert und zum Clochard verkommt; ich überrede einen netten Herrn der Messe Basel, einen Kongress zum Thema "Humor in der Therapie" auszurichten, stehe plötzlich in Tschechows Kirschgarten unter Stefan Puchers Regie als der alte Fiers auf der Bühne der Komödie in Basel und kurz drauf in Shakespeares Sommernachtstraum als Zettel in Christoph Marthalers Schiffbau-Atrium in Zürich und nehme noch etwas später als eingeladener Tänzer in Davis Freemans Truppe an den Salzbuger Tanztagen teil. Plötzlich bin ich in der Trinkerheilanstalt und beginne zu malen; nach der Entlassung und dem Eintritt in die nächste Trinkerheilanstalt lasse ich mich von einer Mitpatientin zu dem Bühnenmonolog "Die Säuferin" (siehe www.die-saeuferin.ch) inspirieren.
Im Augenblick verfasse ich ein Buch über das Jenseits und habe mit der Wesenheit, die mir die Informationen liefert, den Deal ausgehandelt, dass ich nach der Rückgabe meines irdischen Bühnenkostüms in der Theaterkantine ein grosses Fest für alle meine verstorbenen Freundinnen und Freunde, Idole, Kampfjodler, Wettsäufer und Storytellers ausrichten darf.
Sterben ist gesund hat mein langjähriger Freund Charles Fisler mal gesagt. Ich denke, er hat recht. Wenn wir erst wieder drüben sind, wo wir ja von Rechtes wegen hingehören, werden wir auch den Sinn seiner hier noch unergründlichen Weisheit erkennen: Was ist wo, wenn nichts nirgend ist?
Viel Vergnügen. Alles ist wahr, besonders das Gegenteil.

Mein Tun

Buchautor

Ein Buchautor arbeitet zumeist mit der Schrift. Mein Vater auch; er war Schriftenmaler. Er hat eine Schrift gemalt und aufgestellt oder -geklebt.
Ich habe Bücher geschrieben, aber noch nie eine Schrift auf-, weg-, über- oder sonstwie gestellt.
Trotzdem bin ich der Schriftsteller der Familie. Und somit auch der Buchautur. Alle finden es gut so.

Dichter

Der Richter richtet, der Dichter dichtet.
Der Abrichter richtet ab, der Abdichter dichtet ab. Nur der Poet tut das, was er will.
Und tut das ziemlich still.

Dramatiker

Der Dramatiker macht Dramatisches, das nicht immer dramatisch heraus kommt.
Der Bäcker backt zu Backendes, das nicht immer ganz gebacken heraus kommt.
So hat jeder sein Drama.

Erfinder

Erfinden ist schön. Wer sucht, der findet; und wer findet, erkennt. Erkenntnis kann zur Erleuchtung führen, heisst es. Wieso eigentlich Er-Leuchtung und nicht Sie- oder Es-Leuchtung? Dann könnten wir alle leuchten, und es wäre heller.

Kunstaktionist

Mein Vater hat sich Kunstmaler genannt. Was der konnte, kann ich allemal.

Gaukler

1973. Winter. Ich hatte genug getrunken, bezahlte meine Zeche und verliess die Hasenburg. An der Ecke vorne kaufte ich den STERN. Statt eines knackigen Girls war ein halb verhungertes Kleinkind auf dem Titelblatt: Hungersnot in Aethiopien.
Am nächsten Morgen traf ich Wini Sauter an seinem obligaten Glas Rotwein am Tisch in der Hasenburg. "Man sollte mal was unternehmen", sagte ich "statt nur zu jammern und sich voll laufen zu lassen." Er schaute mir prüfend in die Augen. "Gründen wir eine Gauklertruppe und sammeln wir für die Leute." Das geschah dann auch, und es war ein voller Erfolg.

Kabarettist

Kurz nach Erscheinen meines ersten Buches engagierte mich ein Berliner Agent. Wir stellten gemeinsam ein Tournee-Programm mit Briefen, Episoden aus meinem Leben (Besuch bei Dalí, Bankbetrug, Knast in Mailand etc.) und ein paar Schwachsinnsnummern zusammen. Aber wie sollten wir die Chose nennen? Die Berliner Zeitung hatte mich den "Verrückten aus der Talk Show", das Hamburger Abendblatt den "grössten Clown" der Schweiz genannt. Das war's beides nicht. Wir dachten an "Spinner", "Narr" und dergleichen, einigten uns dann aber auf "Alpenphilosoph", weil es so schöne Fotos aus dem Sertigtal von mir gab und wir einen hoch begabten Plakatkünstler in Göttingen kannten. Kabarettist habe ich mich erst mit Claudia Federspiel zusammen genannt, da es ihr am angenehmsten war, weil es am seriösesten klang.

Kolumnist

Eine Kolumne ist eine Säule. Ich produziere Säulen.
Säulen aus Worten.
Im Anfang war das Wort. Dann kam die Säule.
Und jetzt der Tempel, der Säulen-Tempel oder der S-Tempel, der Stempel.
Und dieser wird aufgedrückt.

Redner

Vor meiner ersten Rede wusste ich, dass man die Leute nicht langweilen darf. Das verzeihen sie einem nicht. Deshalb habe ich mich an diese Devise gehalten. Geholfen hat auch, dass ich Schauspieler bin. Das verhindert die Monotonität.

Sänger und Texter

In der Schule wollte mich der Singlehrer zur Teilnahme an der Sing-Elite überreden. Ich war aber schon damals zu faul und wollte lieber meine Freiheit im Wald mit Freunden ausleben. Meine Mutter war zwar als Sängerin ein Naturtalent und sang vom deutschen Schlager über Ave Maria bis zu tessiner Liedern alles - sie war in Locarno aufgewachsen und ein Sonnenschein. Ich sang immer gerne, sei es in der Schule, bei den Pfadfindern, in der Jungschar, in Schul- und Ferienlagern und manchmal mit der Mama. Aber zwingen lassen wollte ich mich nicht. Deshalb dauerte es auch so lange, bis es mich doch noch hinein zog und ich zum - kurzfristigen - Sänger wurde.

Schauspieler

Alles ist Spiel. Das sagen alle Weisen. Wichtig ist, dass man auf der Bühne nicht meint, man müsse jetzt plötzlich zeigen, wer man wirklich ist.



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Chronologisches Werkverzeichnis




Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 09.12.2010