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Kolumne von Hansjörg Schneider für OnlineReports, 30. August 2006

Von der Verführungskraft des Rausches

René Schweizer ist wohl der bunteste Hund der Deutschschweizer Literaturszene. Das Einzige, was dieser literarische Selbstdarsteller wirklich zu hassen scheint, ist die Langeweile. Man kann das an seiner Biographie ablesen. 1943 in Basel geboren. 1962 Matur, dann kaufmännischer Angestellter. 1964 Schauspielschule. 1966/67 Studium an der Uni Basel. 1968 Bankbetrug, fünf Monate auf Reisen, dann ein Jahr Knast. Nach der Entlassung ab ins Tessin. 1971 Gründung der Organisation zur Veränderung der Welt und zur Verblüffung des Erdballs. 1973 Gauklertruppe Los Gorgonzolas mit Wini Sauter. 1976 erster Fernsehauftritt mit Karl Dall als Präsentator. Dann die ersten Veröffentlichungen, 1977 Ein Schweizerbuch, 1978 Ein Schweizerkäse. Damit wurde René Schweizer zum komischen Schweizer Vogel, der in verschiedene deutsche Fernsehsendungen eingeladen wurde. 1978 Reise nach Brasilien, 1979 das Gagaistische Manifest, usw. Mehrere Theaterrollen unter der Regie von Stefan Pucher und Christoph Marthaler. 2003 die erste Alkoholentwöhnungskur.

Diese Biographie ist sehr spannend zu lesen, auf zehn Seiten zusammengefasst vom Autor selber, abgedruckt in einem schmalen Bändchen mit dem Titel "Die Säuferin", das soeben im Verlag Nachtmaschine in Basel erschienen ist. "Die Säuferin" ist ein Theaterstück, das im letzten Jahr im "Neuen Theater am Bahnhof" in Dornach uraufgeführt wurde.

Theaterstücke haben es schwer auf dem Buchmarkt, ausser sie sind Pflichtlektüre in der Schule. Theaterstücke will man nicht lesen, sondern sehen. Trotzdem kann man "Die Säuferin" ohne weiteres zur Lektüre empfehlen. Es ist ein Frauenmonolog. Eine Frau, eine rund vierzigjährige Alkoholikerin, erzählt ihr Leben. Man kann diesen Text auch als Erzählung lesen. Gerade weil er als Theaterstück, als gesprochenes Wort, geschrieben wurde, wirkt er so lebendig.

Man lernt eine Frau kennen, die alte Sprachen studiert und als Übersetzerin gearbeitet hat, die sich immer mehr dem Wodka hingab und in der Psychiatrischen landet. Sie erzählt dies und das aus ihrem Leben, von Liebhabern, von der Sehnsucht nach Liebe. Vor allem aber berichtet sie von der Verführungskraft des Rausches. "Kein anständiger Mensch," sagt sie, "vermag die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Der Prozess des Erkennens macht einen fertig. Er endet im Wahnsinn, wenn er nicht gestoppt wird. Und der Alkohol ist die Lösung, er hält einen davon ab, durchzudrehen." Das sagt sie, nachdem sie wegen des Alkohols fast endgültig durchgedreht hat.

Der Text zeichnet sich aus durch das Fehlen von jeder Larmoyanz. Manchmal ist der sogar heiter und lustig. Stets ist der genau. "Einer meiner Mitpatienten," sagt die Frau, "will über mich schreiben. Er könne mich berühmt machen, sagt er. Ich könnte zur Ikone des Säufertums werden. Seither redet er nur noch von Cadillacs, Villen und Jachten. Wenigstens hat er eine Vision, denke ich manchmal, und beneide ihn. Er sagt, er wolle aus dem Morast eine Blüte wachsen lassen, wie sie die Welt noch nie gesehen habe."

Typisch Mitpatient, denke ich, typisch René Schweizer. Aus Cadillac und Jacht ist, so viel ich weiss, nichts geworden. Aber René Schweizer hat einen sehr schönen, traurigen Text geschrieben.



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