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Sechste schamanische Reise vom 26.10.2005

Transformation

Bei der Vorbesprechung in der Praxis geht es darum, den Inhalt der heutigen Reise festzulegen. Für Cornelia ist klar: Transformation.
Schon beim gestrigen Abendessen bei Margrit ist das Thema Feuer immer wieder aufgetaucht. Und dieses ist das Symbol für die Transformation, die Veränderung, die radikale Umgestaltung und Neuwerdung.
Als erstes bittet mich Cornelia eine Trommel und einen entsprechenden Schläger aus ihrer Sammlung auszuwählen. Mich spricht ein grosses dunkles Fell an. Es stammt von einem Rehbock vom Jakobshorn, wie Cornelia mir lächelnd mitteilt.
Jakobus - Jakobshorn ...
Mir fällt ein, wie oft ich 1977 mit voll beladenem Rucksack von der Höhe des Jakobshorns aus den Weg zurück zu meiner Alphütte hinten in Sertig Dörfli beim Brunnen unter die Füsse genommen habe. Das waren noch Zeiten. Ich war körperlich in Hochform, und es machte Spass, mit der Last auf dem Buckel die rutschigen, weil teils kiesbedeckten Weglein hinunter zu rennen und zu rutschen und dabei zu jauchzen und zu jubilieren.
Die Transformation soll der Anfang dazu sein, diese Kräfte zurück zu holen, die ich während des Älterwerdungsprozesses durch Unachtsamkeit und Alkoholabusus eingebüsst habe. Ich bin völlig davon überzeugt, dass das theoretisch möglich ist, weiss aber auch, dass ich einen langen Weg vor mir habe, weil etwas in mir ganz fest verhockt und damit blockiert ist.
Von der Praxis gehen wir ins sogenannte Seminarzimmer auf demselben Stockwerk, einen Mehrzweckraum, der heute völlig leer ist und viel Raum bietet. Cornelia erklärt, dass wir einen Viererrhythmus schlagen, um die Zellen zu öffnen und anzuregen. Sie sollen aus ihrer Trägheit geholt und auf die Botschaften eingestimmt werden, die ihnen durch das Feuerritual zuströmen werden.
Ich haue auf die Trommel ein und versuche den typischen abgehackten Gang der schamanischen Trommler nachzuahmen. Es ist körperlich ziemlich anstrengend, geht aber unter Aufbietung meiner Willenkraft einigermassen. Nach vielleicht einer Viertelstunde beendet Cornelia die Prozedur, und wir gehen uns die Schuhe anziehen und holen das Holz, die Streichhölzer und die diversen Kräuter.
Auf dem Weg zur Feuerstelle macht mich Cornelia darauf aufmerksam, dass im Wald oben ein durch die Anordnung der Bäume gebildeter Wolfskopf zu sehen sei. Ich erkenn nichts, so sehr ich mich auch bemühe. Da mich das bergauf Gehen anstrengt und ins Schnaufen bringt, bin ich auf Ruhe und sicher nicht Reden eingestellt. Bei der Feuerstelle angekommen, müssen wir feststellen, dass sich da offenbar ein paar Saufbolde die Wampe gefüllt und den Ort verunreinigt haben. Wir packen die verkohlten und angekohlten Holzstücke und schleudern sie in die Landschaft hinaus.
"Der Winter macht den Rest", sagt Cornelia. Das beruhigt mich, denn ich hatte schon Bedenken, dass wir die Gegen noch mehr verunreinigen, als sie schon war. Dann richten wir die Steine der Feuerstelle so zurecht, dass der ursprüngliche Kreis wieder hergestellt ist. Als alles für die Zubereitung des Feuers bereit ist, deutet Cornelia auf eine Lärche, deren Nadeln schon wunderbar gelbbraun gefärbt sind. Sie sagt, wir würden ihr nun alles übergeben, was vorbei sei, vollendet und erledigt. Ich liebe Bäume, mein Herz jubiliert jedes Mal, wenn ich einen umarme. Ich presse mich an den mächtigen Stamm; er ist so dick, dass meine Arme ihn höchstens bis zur Hälfte zu umfassen vermögen. Mein Herz liegt direkt auf dem Holz, und der Herzschlag scheint in ihn einzudringen. Ich übergebe dir alle meine Probleme und Krankheiten, denke ich und spüre, wie das Herz meinen Ballast in den Stamm pumpt. Ich sehe, wie der Baum ihn aufnimmt, in sich emporsteigen lässt bis zur Krone und in den Himmel abgibt. Als ich mich von der Lärche löse, erfüllt mich eine seltsame Ruhe, und ich denke, dass ich fortan jeden Tag mindestens einmal einen Baum umarmen sollte.
Dann gehen wir die paar Schritte zurück zur Feuerstelle. Cornelia hält mir das Bündel von kleinem Brennholz hin und sagt, ich solle es mit beiden Händen umfassen und erneut alles hinein geben, was vorbei, vollendet und erledigt sei. Ich konzentriere mich und lasse den Strom aus meinen Händen in das Holz fliessen.
Cornelia nimmt mir das kleine Bündel ab und überreicht mir eines mit etwas grösseren Holzscheitchen. Ich solle nun an das denken, was ich mir am sehnlichsten wünsche und diesen Wunsch in das Bündel strömen lassen. Ich denke an den 27. Juli 1983, meinen vierzigsten Geburtstag, als ich ein einem Hotel in Andermatt um sechs Uhr früh aufgewacht bin und mich auf dem Nachttischchen gewogen habe, weil der Boden mit einem flauschigen Teppich bedeckt war und das Resultat verfälscht hätte. Ich denke an die exakt 76 Kilos, die ich damals auf die Waage gebracht habe, und an die ungefähr 140, die es jetzt sind. Ich versuche dem Wunsch nach einer Figur und einem Gesundheitszustand wie damals Kraft zu geben und ahlte das Holz ziem-lich lange fest. Als ich es schliesslich frei gebe, überreicht Cornelia mir eine alte Zeitung. Ich soll die einzelnen Blätter luftig zerknüllen, so dass sie sich zur Verwendung als Einstieg in ein kräftiges Feuer eignen. Cornelia ist mit meiner Arbeit zufrieden, schichtet die Hölzchen pyramidal auf und entzündet das Papier. Die Flammen finden sofort Nahrung. Cornelia reicht mir ein Säckchen mit getrocknetem Rosmarin. "Streu es hinein", sagt sie, "es ist dein Dank an den Feuergeist." Mit Andacht werfe ich kleine Mengen des Rosmarin ins Feuer. Einen Geruch nehme ich nicht wahr. Das ist wohl auf meinen dezimierten Nasensinn zurückzuführen.
"Suche nun deinen Ort am Feuer", sagt Cornelia. Ich bewege mich möglichst weit weg vom Rauch, der mir Tränen in die Augen jagt; aber ich spüre, dass der gewählte Ort nicht stimmt. Konzentriert bewege ich mich um die Feuerstelle herum und finde einen Platz, an dem der Rauch knapp vorbei weht. Cornelia trommelt. "Konzentriere dich auf das Feuer", sagt sie, "mach dich bereit für den Sturz ins Zentrum der Erde." Sie hat mir vorher erklärt, dass ich mich in Gedanken Kopf voran ins Feuer stürzen und bis zum Zentrum der Erde fallen lassen solle, wo ich der Mutter Erde begegnen würde. Ich fasse mich und mache einen symbolischen Hechtsprung ins Feuer. Ich stürze schnell, so schnell, dass ich Nullkommanichts im Zentrum bin. Ich schaue mich um. Es ist alles sehr schlicht und ungeschmückt, eine grosse Höhle mit einem ansehnlichen Feuerherd an der gegenüberliegenden Wand. Eine ältere Frau hantiert mit grossen Kellen, Rührlöffeln und Feuerhaken. Bei genauem Hinsehen erkenne ich meine Grossmutter. Sie lächelt ruhig, so als hätten wir uns noch vor einigen Minuten gesehen. Plötzlich ist die Grossmutter zur Mutter geworden, aber sofort wieder zurück verwandelt. Schemenhaft bewegt sich meine Mutter im Raum. Sie ist eine junge Frau, neugierig aber zurückhaltend, vielleicht sogar ängstlich. Ich schaue mich um und sehe keinerlei Überfluss, keine Dekoration, alles rein funktional. Ein Marder mit extrem spitzer Schnauze steckt bis auf den Kopf in der Erdwand und mustert mich neugierig; irgendwo streunt ein Fuchs herum. Er scheint hierher zu gehören wie ein Haustier. Grosse Kreise zieht mein Wolf und mustert alles, bereit, sofort einzugreifen, wenn sich etwas Ungewöhnliches ereignen sollte. Er ist nicht an die Materie gebunden, sondern geht durch sie hindurch als existiere sie nicht. Er ist mächtig gross, und ich bin froh, dass er da ist und mich beschützt, obwohl ich keinerlei Angst habe. Aber die Kraft, die er ausstrahlt wirkt trotzdem beruhigend auf mich.
Cornelias Stimme fordert mich auf, nach Tieren und Pflanzen Ausschau zu halten. Zuerst sehe ich einen farbenprächtigen tropischen Garten direkt neben der Küche. Schön wie in der Südsee. Meine Grossmutter hat ihn für sich persönlich, zu ihrer eigenen Erbauung angelegt. Noch stärker beeindruckt mich ein Gebilde aus lauter dicken Wurzeln. Sie sind im Boden verankert und streben in die Höhe hinauf, wo sie von den Bäumen, Blumen Sträuchern, Pilzen und Kräutern aufgenommen werden. Meine Grossmutter ritzt die Rinde der Wurzeln immer wieder leicht an und prüft mit einem Blick oder mit der Zunge, ob alles in Ordnung ist. Ich empfinde ein starkes Gefühl, eine Ahnung, dass eine dieser Wurzeln mein Heilmittel enthält, eine Substanz, die mich rasch von allen meinen Gebresten, Übergewicht, Asthma, Herz, Arthrose, befreien könnte. Ich schaue mich ein bisschen weiter um, ein Regenwurm lächelt mir zu, ich lächle zurück. Plötzlich beginne ich aus heiterem Himmel die Bürgschaft von Schiller zu rezitieren: "Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Möros, den Dolch im Gewande. ‚Was wolltest du mit dem Dolche sprich!' entgegnet ihm finster der Wüterich. ‚Die Stadt vom Tyrannen befreien!' ‚Das sollst du am Kreuze bereuen.'" Oma lächelt, sie ist plötzlich ganz jung. Auch Mama lächelt. Einige Tiere hören andächtig zu; es ist wie in einem Disneyfilm. Ich sehe nur die Augen. Plötzlich höre ich die Trommel. Cornelia ruft mich zurück. Ich verlasse den Ort unwillig, hätte mich gut an ihn gewöh-nen können und wäre wohl auch geheilt worden. Dann stehe ich plötzlich wieder an unserer Feuerstelle und fühle mich wieder ein bisschen wie Kamehameha, der König von Hawaii, nicht ganz so mächtig, aber so gesund, stark und klar. Cornelia reicht mir etwas hin; es raucht wie eine übergrosse Zigarre. Ich nehme es entgegen. "Wie reinigen jetzt den Ort", sagt Cornelia. Es riecht nach würzigen Kräutern, sehr angenehm und wohlriechend. Dann bedanken wir uns beim Feuergeist und dem Ort, und Cornelia sorgt dafür, dass ein nur noch leicht glimmendes Feuer zurück lassen. Ich frage, ob ich mich einen Moment hinsetzen kann. Das lange Stehen hat mich ermüdet. Cornelia erzählt von ihren Wahrnehmungen, dass das Feuer sich sehr kooperativ verhalten und sich geöffnet habe, als ich durch es hindurchgestürzt sei. "Der Herbst ist die grosse Zeit der Transformation" sagt sie, und das Feuer habe sich am Abend vor dem Ritual gemeldet, um mir den Wandel zu ermöglichen. Obwohl ich voller Vertrauen in die schamanischen Kräfte bin, spüre ich einen enormen Widerstand gegen die Veränderung. Ich will in den Zustand vor dem Verlust meiner Mutter zurück, in den Gefühlsbereich der Unschuld. Ich frage mich, wieso es so lange dauert und ich Veränderungen nur innerlich wahrnehme. Meine Ess- und Trinkgewohnheiten haben sich noch nicht entscheidend verändert. Es ist mir immer wieder scheissegal. Ich habe einfach dieses Vertrauen, dass alles in Ordnung ist und schon richtig herauskommt. Vielleicht sollte ich mich auf die Suche nach der Wunderwurzel machen - oder einfach auf ihr selbstverständliches Erscheinen warten ...



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Alle Rechte © René Schweizer - Letzte Änderung: 09.11.2005