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Archiv: Aktuelles 2009

2. Januar 2009, 11:04 Uhr

Ich wünsche allen Lesern ein gesegnetes neues Jahr. Um niemanden zu benachteiligen, versuche ich diesen Wunsch in diversen Sprachen, die aus meinem Hirn hervorquellen, zu wiederholen: Pütsch ganutsch, schegi egerzeegi, Pürf Manürf, Chum gang hei, Etschebürr galati, Schögi tomati, petzelknorf mangusti, ööööhm batschöm, es hebby niu yeeeer, amsel drossel stink und meine / schweissen auf das Tramgeleise, Watussi magaduba, Heilem Selassiem, Pföti maturi.
Mehr fällt mit im Moment noch nicht ein. Vielleicht noch dies. Es stammt von meinem Onkel Hermann Rappe aus Locarno: 'Im Arschloch ist's Frühling geworden. Teuuure Schwalben auf Frankreichs grünen Auen'. So, das wäre für den Augenblick. Hasta la vista baby.

2. Januar 2009, 16:36 Uhr

Ideen für Inserate

1. Wohnsinniger mit Velosolex sucht Job als Stuntman oder Religionslehrer.
Bewerbungen mit Vermögensnachweis an
Joe Magdalena Pfeuti
Arsch 17
Abwärts an der Pfütze C

2. 64-jähriger Hilfsarbeiter sucht Stipendium für das Studium der Atomchirurgie.
Bewerbungen mit Leumund an
Fritz Chrank
Postfach
Gösgen

20. Januar 2009, Tag der Inauguration von Barack Obama

Innerer Monolog

"Ich bin im Ruhestand und fühle mich diesem Umstand irgendwie verpflichtet." "Du solltest einfach gewisse Dinge noch niederschreiben, zum Beispiel die Flüge mit dem Staatsanwalt in seinem französischen Doppeldecker aus den Dreissiger Jahren. Es ist ja eindeutig verrückt, wie du dein Leben geführt hast. Und viele interessiert das eben."
Ich schnitt ein Gesicht, zuckte mit den Schultern und hob den Arm und die Hand abwehrend hoch. "Ich erinnere mich nicht, jemals ein Leben geführt zu haben. Plötzlich war ich da, und ebenso plötzlich bin ich jetzt hier - im Ruhestand. Endlich ohne Lärm! Ich glaube nicht, dass irgend ein Mensch jemals irgend ein Leben selbst geführt hat. Es geschah einfach - so wie wenn man einen Abhang hinunter purzelt. Jetzt bin ich im Ruhestand. Den will ich geniessen. Ich habe meine Rente und damit keine fundamentalen finanziellen Probleme mehr, keine Termine, keinerlei Verpflichtungen - nur der Ruhestand."
"Du kannst doch nicht einfach aufhören zu schreiben. Das wäre eine Beleidigung für jene Kraft, die dir dieses Talent geschenkt hat."
"Amen."
"Wer glaubst du denn, wer du bist?"
"Das reicht", sagte ich energisch. "Damit ist dieses Gespräch zu Ende. Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben. Eine neue Zeit ist für mich angebrochen: die Zeit der allmählichen Begegnung mit mir selber. Dabei sind Menschen aus meiner Vergangenheit lästig wie Stechmücken. Ich bin frei und habe meinen Ruhestand verdient. Ich kann entweder nichts tun, wenn ich Lust dazu habe, oder etwas Neues machen, zum Beispiel Auswandern ans Meer. Das wäre gut für meine körperliche und geistige Gesundheit und für mein seelisches Wohlbefinden."
"Mach, was du willst!"

29. Januar 2009

Am Montag habe ich das Visum und mein Flugticket nach Bangkok für den 12. Februar geholt. Seither denke ich, dass ein neuer Lebensabschnitt vor mir liegt. Ich plane, in Thailand einen hohen buddhistischen Würdenträger zu besuchen und ihm lange in die Augen zu schauen - falls er das zulässt. Vielleicht geht mir dann ein Licht auf, und ich werde mich so arrangieren, dass ich die westliche Welt - zumindest innerlich - hinter mir lasse. Ich kann's kaum erwarten. Vielleicht werde ich einen Einblick in die grosse buddhistische Leere machen können, das Nichts, aus dem der Urknall heraus erxplodiert ist.
Wenn wir bei den Mystikern aller Zeiten und Kontinente nachlesen, um Informationen über den etwas unbeholfenen und unpräzisen Ausdruck "Schöpfung" zu bekommen, dann geraten wir mit der Logik bald in ein heilloses Durcheinander.
Alle Mystiker sagen, die Zeit sei eine Illusion; und wenn es keine reale Zeit gibt, existiert auch kein wirklicher Anfang. Aber netterweise kommen die Mystiker uns Beschränkten entgegen, indem sie sagen: "Wenn es keine Zeit gibt, gibt es auch keinen Anfang. Und an diesem Anfang - den es nicht gibt - war die Leere", sagen die Mystiker. "Oder das Nichts."
Unsere zeitgenössischen Wissenschaftler versuchen den mystischen Ideen mit Hilfe der Quantentheorie auf die Spur zu kommen. Am Cern in Genf wollen sie das Higgs-Teilchen entdecken, von dem sie annehmen, dass es die Menschheit dem Verständnis des Urknall entscheidend näher bringt.
Theoretisch sieht es so aus, dass aus dem Higgs-Feld der Urknall heraus explodiert ist. Die Mystiker sagen, die Leere sei der schlafende Gedanke, und im Urknall sei der Gedanke erwacht und habe sich selbst als existierend erkannt. Durch diesen Vergang des Erkennens sei die Schwingungsfrequenz des Gedankens gebremst worden, und das Ur-Licht sei entstanden. Durch eine weitere Verringung der Frequenz hätten sich die Lichtpartikel entwickelt, die Vorläufer der Materie.
Ich will nicht zu ausschweifend werden, sonst wird das Ganze unübersichtlich. Deshalb werden unsere Philosophen auch kaum verstanden - weil sie zuviel plappern und zuviele Dinge miteinander verbinden und die Welt dadurch kompliziert machen. Nietzsche hat in Sils Maria einmal gesagt, als er von Overbeck besucht und gefragt wurde: "Friedrich, was machst du?" "Ich fange Gedanken." Etwas vom Schönsten und einfachsten, was ich je gehört habe; denn die Gedanken und Ideen schwirren tatsächlich frei in der Luft oder im Aether herum, und wer seinen Expfänger, das Gehirn, bereit hat, bekommt auch die Gedanken, die er sich wünscht.
Nachdem das Denken aus der Leere heraus geplatzt war und sich in Ur-Licht und dann Lichtpartikel verwandelt hatte, bestand die gesamte Welt aus Bewusstsein, aus einzelnen individuellen Göttern, welche alle eins und doch völlig unterschiedlich waren. Sie begannen zu realisieren, dass sie existierten, dass sie allmächtig waren und dass das ein Riesenspass bedeutete. So begannen sie ohne gross nachzudenken das Universum aufzubauen. Sie erschufen Körper und beobachteten ihre Schöpfung so lange, bis sie Lust bekamen, selbst in ihr Werk einzutauchen, so wie man an der Kirmess auf eine Geisterbahn geht oder als Schauspieler in ein Theaterstück oder einen Film eintritt.
Sie machten viel falsch am Anfang und wurden von ihren eigenen Kreaturen, den schnellen Tieren, gejagt und aufgefressen. So überlegten sie, wie sie diese Wesen überlisten konnten, um ihnen entwischen zu können. Das löste einen Wettlauf aus, weil sie auch ihre Erfindungen weiterentwickelten, nachdem sie sie überholt hatten. Zudem begann wie in jedem Spiel auch das Konkurrenzdenken unter den Göttern.
Aber etwas ist noch wichtig. Die Entwicklung der Materie benötigte eine Riesenzeit. Zuerst gab es nur die Leptonen, die Gluonen, die Quarks, die W- und Z-Bosone, die Gravitonen etc. Danach entstand aus diesen Urteilchen nach und nach die komplizierte Materie, der wir nun im Cern auf den Fersen sind. Unser Sonnensystem beispielsweise ist nicht aus sich entstanden. Es war und ist nicht heiss genug, um alle Elemente zu erschaffen, die für das Leben erforderlich sind. Zuerst musste eine Supernova explodieren, aus deren Hitze die Gaswolke entstand, welche sich schliesslich zu unserem Sonnesystem entwickelte.
Nun, zur Zeit ist es vermutlich so, dass wir den Untergang der Welt eingeleitet haben. Wenn dereinst alles Leben vernichtet sein wird, spielt das im Prinzip keine Rolle, weil eigentlich alles noch vorhanden ist, einfach in verwandelter Form. Vielleicht fängt die ganze Sache wieder von vorne an. Oder wir, die wir nach dem Verlassen der Körper wieder zu chemischen Substanzen geworden sind, denken uns etwas anderes aus - vielleicht ein völlig neues Universum; oder wir kehren zurück in die Leere und werden wieder zum ruhenden Gedanken.
Was ich sagen will: Wir brauchen keine Angst zu haben, denn wir sind in Wahrheit nicht die Idioten, für die wir uns halten. Wir sind nur so blöd, weil wir die Existenz als Blödiane aus Neugier gewählt haben. Ich war ja mal eine Zeitlang Schauspieler und verkörperte auf der Bühne Typen, die ich im wirklichen Leben verachtete. Aber wenn ich von der Bühne trat und mich in der Theaterkantine mit meinen Kolleginnen und Kollegen traf, tranken wir etwas und lachten und machten uns lustig über Fehler, die uns auf der Bühne passiert waren.
Mit anderen Worten: Das Leben ist eine stinkeinfache Sache, bloss wenn wir uns riesige Gedanken machen und die Angst zulassen, bietet es den Eindruck eines komplizierten und heilosen Durcheinanders.
So, das hätten wir mal wieder. Wer's nicht verstanden hat, muss halt mal ein paar Bücher lesen, zum Beipiel von Dan Millman oder Emile Cioran. Nehmt's nicht zu schwer!

8. Februar 2009, vier Tage vor dem Rest meines Lebens

Was ist eigentlich eine Geschichte? Womit beginnt sie? Mit einer Aussage, einem Wort, einem Ausruf oder mit was auch immer?
Machen wir mal eine Probe aufs Exempel: Der schwarze Rächer zog seine roten Unterhosen aus und legte sie aufs Bügelbrett. Mit der Zunge prüfte er die Hitze des Eisens und legte es auf den Slip. Wenige routinierte Bewegungen flachten den Stoff so ab, dass er in den besten Hotels der Welt als vollkommen gebügelt durchgehen würde.
Ist das schon eine kleine Geschichte? Oder vielleicht erst der Auftakt zu einer Geschichte über eine aussergewöhnliche Errettung der Welt vor den satanischen Glubschäugigen?
Lassen wir's mal dabei. Für heute nur soviel: Eine Geschichte beginnt mit irgend etwas, das sich schriftlich niederlegen oder mündlich wiedergeben lässt, z.B. Uff, Päng, der Sturm, oftmals, Amanda. Oder was auch immer. Und vergesst nicht: Eine Geschichte sollte nicht langweilig sein, denn das wäre eine Sünde.
Viel Spass beim Versuch.

Webmaster-Info vom 31.03.2009

René Schweizer ist am 12. Februar nach Thailand geflogen, eine Woche später dann in Kata Beech auf die Nase, letzte Woche hat er sich aus Bankok gemeldet und heute kam eine Mail aus Koh Samui. Es ginge ihm gut, lässt er ausrichten, und er bat mich alle zu grüssen.
Und weil es eben ums Essen ging, in der letzten Mail, noch ein Zitat von René aus der Ferne:


An die Teller, vorwaerts Marsch!

19. Mai 2009

Naja, ich war in Thailand. Fast drei Monate lang - vom 12.02.2009 bis zum 01.05.2009.

Was soll ich darüber sagen? Es war wie in Sizilien oder auf den Canarischen Inseln oder in Alicante: FREMD, einfach fremd. Ich ertrage das Fremde nicht mehr, es macht mich depressiv. Ich saufe Whisky und Wodka und Unmengen Bier. Entweder werde ich alt oder ich habe das Fremde nie gemocht. In Hawaii und Hollywood hatte ich diese Leere auch schon im Herzen. Ich gehöre irgendwie nicht dazu. Vielleicht komme ich tasächlich aus einer anderen Weltraumgegend und bin ein Schiffbrüchiger - wie Robinson, aber ohne Freitag oder sonstwas, dem man sich nahe fühlen kann. Aber ich bin zu faul, um daraus kreativ etwas zu machen. Andere malen sich ihren Frust von der Seele oder sie besteigen den Mount Everest. Ich sehe keinen Sinn im Dasein und habe keinen Antrieb. Seit ich keine Wanderungen mehr machen kann, gehe ich auch nicht mehr in die Berge. Das würde nur Schmerzen bedeuten, Erinnerungen an wunderbare Zeiten auf den Höhenzügen, an den Zustand der inneren Ruhe.

Ich glaube, ich gehe bald auf den Friedhof, setze mich auf eine Bank und warte, bis ich an der Reihe bin ...

Carpe diem!

Sonntag, 24. Mai 2009

In Kata Beach ging ich jeden Tag zur Fussmassage; ich wollte endlich mal wieder intakte Füsse, Rolls Royce-Füsse sozusagen! Die Frau, die diese Füsse massierte, war Witwe. Ihr Mann, ein Chinese, war vor kurzem in hohem Alter verstorben und hatte ihr eine kleine Tochter mit Halbschlitzaugen hinterlassen, ein süsses Ding, das mich 'Papà' rief. Wenn sie mich von Weitem kommen sah, rief sie ein lang gezogenes Papàààà, stürzte auf mich zu, packte meine Hand und zog mich auf den Massagestuhl in Mamas Salon. 'Mamaaa', sagte sie, 'Papàààà', und deutete auf mich. Aufgeregt sagte sie Dinge in ihrer Sprache, die ich natürlich nicht verstand. Doch am Lachen der Mutter erkannte ich, dass es etwas Lustiges sein musste. Die Kleine, deren Namen ich unmöglich im Gedächtnis behalten konnte, weil er einfach für mein abgenutztes Hirn viel zu schwierig war. Aber ich habe ihn notiert. Er lautet: Atitaya - eigentlich nicht so schwierig. Wenn es bloss ein Name wäre, aber da ist noch die Mutter, die Nachbarinnen und wer sich noch so in dem kleinen Salon ansammelt, wenn die Arme endlich mal wieder einen Kunden hat. Atitaya geht seit ein paar Wochen zur Schule. Das kostet die Mama monatlich 1500 Baht. Für eine Fussmassage berechnet sie 250 Baht, wie fast alle Salons in Kata Beach; das sind ungefähr SFr. 7.50, manchmal hat sie an einem ganzen Tag bloss zwei bis drei Kunden. Sie ist wirklich arm und weiss manchmal nicht, wo ihr der Kopf steht. Zudem muss sie noch für die Schuluniform für Atitaya aufkommen, eine Riesenausgabe von 10'000 Baht (ca. SFr. 350.--). Ich habe ihr deshalb versprochen, dass ich ihr dabei helfen und Geld schicken werde, sobald ich wieder in der Schweiz sein würde. Da ich meine Passwörter und Codes für meine Konten im Internet zu Hause liegengelassen hatte, wusste ich nie richtig, wie ich finanziell stand und traute mich nicht, zuviel Geld auszugeben - um nicht plötzlich finanziell in Schwierigkeiten zu geraten. Vor etwa zwei Wochen habe ich ihr als Testlauf von meinem Postcheckkonto SFr. 120.-- überwiesen. Statt wie erwartet zwischen 3200 und 3500 Baht zu erhalten, zahlte ihr die Bank bloss 2800 Baht aus. Da konnte etwas nicht stimmen, dachte ich und erkundigte mich bei Lucien, einem Kellner im Schiefen Eck, wie er es mache, wenn er Geld nach Thailand überweise. 'Über die Migrosbank' sagte er. 'Da zahlst Du 10 Stutz Spesen und der Empfänger bekommt den gesamten einbezahlten Betrag. Morgen gehe ich an den Schalter der Migrosbank und mache einen Versuch mit SFr. 150.--. Mal sehen, was in der sms steht, die ich in ein paar Tagen nach Ankunft des Geldes in Kata Beach von der Mutter Atitayas bekommen werde. Wenn's wieder nicht klappt, nehme ich eine 200-Frankennote, wickle sie in Alufulie und schicke sie in einem Kuvert als Brief. Vielleicht ist das der beste Weg ... So, das ist so eine der Kleinigkeiten, die mich zur Zeit beschäftigen und meinem Alltag etwas von seiner Langeweile nehmen. Habe ich schon gesagt, dass mich seit der AHV weder das Schreiben, noch das Malen, noch das Schauspielern weiterhin intressieren. Ich bin im Ruhestand, und das ist das Langweiligste, was das Dasein zu bieten hat. Aber jede Aussicht auf Aktivität löst sofort eine Horrorstimmung in mir aus und lässt mich ans endgültige Verschwinden à la Bruder Klaus denken.

Hoppla Schorsch!

30. Juni 2009, 04:08 Uhr (Schlaflos über der Webergasse)

Kurzfilm-Exposé

Ein alternder Schriftsteller legt seinen Heimatschein neben die Pelati im Supermarkt. Dann holt er im hinteren Teil des Ladens eine Tube bordeauxrote Schuhcrème und schmiert sich damit die Nasenspitze ein. Beim Rausgehen lächelt er der jungen Kassiererin zu, zwinkert mit dem rechten Auge und sagt:
'Es ist zu spät - für alles zu spät ... ausser für Ihre Möpse. Aber das ist ein anderes Kapitel.'
Sie runzelt die Stirn und sagt: 'Zehn Dollar 97, bitte ...'
'Günstiger als auf dem Pigalle', erwidert er und pfeift seine Anaconda herbei.
Der Rest der Story ist von einem Kreativteam aus dem Uralgebirge zu entwickeln bis zum Happy End im Kreml Museum.

2. Juli 2009, 15:37, heissssssssssssssssssssssssssss

Erholungstext I

Ja ja, wenn man die Sache natürlich von hinten betrachtet, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Der Mond ist ein Beispiel dafür, aber auch ein Kakadu, eine Handbremse oder ein Lottogewinnschein. Man muss sich dessen einfach mal klar werden, sonst kommt man nie weiter im Leben und kann sich bei Bedarf keine neue Brille kaufen oder ein neues Rätselheft, wenn einem die Fragen nach und nach zu blöd werden ... 'Nachbarinsel von Krk' zum Beispiel, oder 'mongolisches Reisgericht'. Man kann sich auch mal verkehrt aufs Pferd setzen wie die indianischen Gegenteiler, oder zum Psychiater gehen, zum Frisör oder in den nächstgelegenen Jachtclub. Da benötigt man allerdings passende Kleidung, Badehosen und Sonnenschutzmittel. Aber sonst ist das ein Kinderspiel ...
Was an diesem Text erholsam sein soll, fragen Sie? Sie sollten mehr üben, üben, üben - und weniger auf der faulen Haut liegen.

Erholungstext II

Die Vögelein stehen im Waldo,
erwarten den Grossen Saldo.

Bingolf von der Schmalweis

Sonntag, 5. Juli, 05:32 Uhr

Der einfältige Trinker

Er hiess Desiderius Huber, und nachdem er zwei Dutzend bedeutungslose Telefonnummern auswendig gelernt hatte, ging er zum Laden von Habibi und kaufte sich eine Flasche Whisky der Marke Fuck mit einem persönlichen Rabatt des Ladenbetrei-bers. Damit setzte er sich ans Ufer des Rheins, nahm einen tüchtigen Schluck und schaute selbstvergessen auf das strömende Wasser. Alles im Fluss und ewig gleich, dachte er. Siddharta kam ihm in den Sinn, sein Motorroller, den er vor Jahren unter einem inneren Zwang im Brienzer See versenkt hatte, nachdem das Hirten-Kätti seine Schwüre nicht erhört hatte. Jetzt war er heilfroh, dass es nicht geklappt hatte, denn er hätte sie bestimmt geschwängert, geheiratet und wäre ihrem Jodelchor beigetreten. Er nahm einen weiteren Schluck aus der Pulle und dachte augenblicklich an Bukowski. Der hatte es nicht so gut gehabt. Manchmal war er so mitgenommen und abgebrannt gewesen, dass er sich mit den Hollywood-Kakerlaken zu unterhalten zu unterhalten begonnen hatte. Einigen anderen schreibenden Säufern ging es punkto Whisky besser. Sie hatten immer irgend etwas zur Hand oder konnten sich an einen verständnisvollen Nachbarn wenden. Bukowski jedoch war oft völlig allein und zu schwach, um einen vernünftigen Gedanken zu fassen, der ihn zu Whisky, Wodka, Tequila oder Bier geführt hätte. Dann blieb ihm nur noch der Gang zur Schreibmaschine. Oft war es wie der Bussgang eines Sünders, der zur Beichte ging, weil er sich die junge Lehrerin seiner Kinder nackt vorgestellt und an ihren Möpsen herum gefuhrwerkt hatte. Desiderius sah die Strömung und erkannte ihre volle Symbolik. Die Zeit war auch ein Strom, der uns in den Ozean brachte. Aber was war das, der Ozean? Das Ziel, die Unendlichkeit, die Kläranlage für erstarrte Schicksale oder das grosse Unbewusste mit den rätselhaften Inhalten? Langsam begann ihn ganz leicht der Kopf zu schmerzen. Er rief sich die auswendig gelernten Telefonnummern ins Gedächtnis zurück und entlüftete damit den Schädel. Dann genehmigte er sich einen weiteren Schluck Whisky und studierte einen Prospekt über die Behandlung von Hühneraugen, der zufällig neben ihm auf der breiten Ufertreppe gelegen hatte. Eine Schulklasse von Primarschülern kreischte sich am Uferweg über ihm vorbei, und er dachte: "Zum Glück bin ich nie Vater geworden." Damit hatte er für heute genügend Denkarbeit geleistet. Er erhob sich, ging die paar Schritte bis zum Schmalen Wurf, setzte sich an einen leeren Tisch und bestellte bei der charmanten Bedienung ein Boxer Bier. Damit war er für den Augenblick vollkommen zufrieden, ja man könnte vielleicht sogar sagen: erfüllt. Vom gegenüber liegenden Münster schauten die Jahrhunderte alten Türme gleichmütig auf ihn herab - was er aber nicht zur Kenntnis nahm. Vielleicht war das auch besser so ...

7. Juli 2009

Im 4. Stock

Ich habe noch nie einen Minister erschossen. Wenn man einen solchen Satz hinschreibt, denkt ein möglicher Leser unvermittelt und aus logischer Überlegung: "Dann muss er sonst irgendwen erschossen haben, denn wenn nicht, hätte er einfach sagen können: Ich habe noch nie jemanden erschossen."
Nun, wenn einem nichts Wichtiges oder Lohnendes mehr einfällt, weil man aus der Welt des Wichtigen und Lohnenden aufgrund des Zeitablaufs hinausgewachsen ist und somit überhaupt nicht mehr weiss, wozu die Idee des Wichtigen und Lohnenden eigentlich gut sein soll, dann schreibt man halt den erstbesten Satz nieder, der einem einfällt, zum Beispiel: Ich habe noch nie einen Minister erschossen. Das war für mich wie ein Strohhalm als mich meine Natur zum Schreiben drängte, mir aber nichts Brauchbares einfallen wollte. Charles Bukowski, der amerikanische Abfallpoet, hätte vielleicht in einer solchen Situation geschrieben: "Ich sitze auf dem harten Holzstuhl vor meiner Schreibmaschine und betrachte den aufsteigenden Rauch meiner Zigarette, die im Aschenbecher liegt und auf den nächsten Zug wartet."
So hat jeder seine Tricks.
Wenn ich in die Kneipe gehe, werde ich ab und zu gefragt: "Schreibst du noch?" Oder: "Woran schreibst du gerade?" Dann antworte ich oft und gern: "Ich bin im Ruhestand, und ich nehme diesen ernst." Ein Anfall von Heiterkeit ist meist die Folge. "Ein Maurer hört ja auch auf, wenn er sein Alter erreicht hat", argumentiere ich dann, und es herrscht Ruhe. Wenn einer insistiert, sage ich: "Ich warte auf den Bus in die Ewigen Jagdgründe, wo mich das grosse Erbarmen erwartet." Dies alles hat sich im 4. Stock zugetragen. Da hause ich nämlich.

Mittwoch, 8. Juli 2009, 23:47

Als ich Mitte der sechziger Jahre zur Uni ging, gab es ein Magazin, das TWEN hiess. Dort drin war ein Intelligenztest abgedruckt. Ich machte ihn, und das Resultat war die Aussage, ich sei ein Genie. Ein Kommilitone und seine Freundin machten diesen Test auf meine Anregung hin unabhängig voneinander auch und erzielten das gleiche Resultat wie ich. Wir suhlten uns in dem Gefühl, drei Genies zu sein, dachten aber nicht im Entferntesten daran, auch andere Studenten auf den Test aufmerksam zu machen. Unsere Unterbewusstseine beschlossen offenbar ohne uns zu fragen, dass drei Genies vollauf genügten, wenn die Sache nicht inflationär werden sollte.
Das Interessante an der Erfahrung mit diesem Text ist, dass ich mich noch heute für ein Genie halte, mir aber nichts daraus mache, weil ich mich während der inzwischen vergangenen Jahre daran gewöhnt habe.
Als ich dann in meiner dritten Alkoholklinik war, wurde ich zu einem Test aufgeboten, der dazu diente, allfällige Hirnschädigungen aufzudecken. Das Resultat war ernüchternd. Ich hatte tatsächlich gewisse denkerischen Fähigkeiten eingebüsst und benötigte für die Lösung der Testaufgaben überdurchschnittlich viel Zeit. Nachher in meinem Zimmer auf dem Bett liess ich den Test nochmals Revue passieren und stellte fest, dass mich die meisten der Fragen weder berührten noch interessierten. Sie waren für mich völlig fremd und irrelevant, und als ich weiter dachte, erinnerte ich mich daran, dass wenn ich im Haus meiner damaligen Freundin im Burgund von ihr mit einem konkreten Sachproblem konfrontiert wurde, ich nach einigem Nachdenken immer eine verblüffend einfache Lösung zu entdecken vermochte, was mir jedesmal ein ungläubiges, aber auch bewunderndes Kopfschütteln meiner Freundin einbrachte. Nach einigen einfachen und klugen Lösungen hielt sie mich für ein praktisches Genie, dabei habe ich mich nie besonders intensiv mit Wasseranschlüssen, losen Dachrinnen, lotternden Schranktüren, wuchernden Obstbäumen und ins Haus eingedrungenen Mäusen beschäftigt. Ich hatte einfach seit jeher einen prinzipiellen Hang zur Problemsanalyse und die Begabung, den Kern eines Problems zu erfassen. Sobald ich den kannte, konnte ich die Lösung förmlich im Geiste vor mir sehen. Meistens war das für die Lösung erforderliche Material nicht im Haus. So begann ich alle Orte im und ums Haus zu durchstöbern, wo sich etwa Brauchbares finden liesse. Und meistens fand ich etwas Geeignetes und schaffte das Problem, zumindest provisorisch, aus der Welt.
Wenn man mir jedoch völlig fremde, mir völlig gleichgültige Leute ein Problem vorsetzen, die mich nicht im geringsten interessieren, sperre ich mich und schreibe ohne Hemmungen in den Fragebogen: Keine Ahnung! Oder: 47, wenn eine Zahl gesucht wird.
Ich will eigentlich nur meine Ruhe, um mich meinem Ideal, dem Streben nach Gleichmut, hingeben zu können, so wie Buddha, Franz von Assisi, Niklaus von den Flüeh und viele andere es getan haben, nachdem sie die zivilisierte Welt als das durchschaut hatten, was sie ist: ein aufgescheuchter Haufen Hühner, die in Rette-sich-wer-kann-Manier in alle Richtungen auseinander stieben.

9. Juli 2009

René einmal anders: Das nebenstehende Foto entstand im Winter 2002/2003 am Rheinufer, aufgenommen von Jakob Krattiger. Es diente als Grundlage für dessen Bearbeitung zur Verwendung in Michael Flume's "Basler Buch - V.I.P.s vo Basel" (www.baslerbuch.ch), wo es auf Seite 147 zu bewundern ist.

Etwas grösser kann das Bild hier angesehen werden.




10. Juli 2009

In Bangkok sass ich oft am Nachmittag nach der Fussmassage auf der Riesenterrasse eines Luxustempels an der Shukumvit unweit meines Hotels Majestic Suites, genehmigte mir ein sackteures Bier in einem etwa zwanzig Zentimeter hohen Glas und betrachtete den Verkehrsstrom und die vorüber flanierenden oder eilenden Menschen. Ab und zu hatte ich einen Beinah-Herzstillstand. Der Grund war jedesmal der gleiche: ein Mädchen oder eine Frau von einer Anmut und Schönheit wie sie nur Mischlinge zu erreichen vermögen. Ich sass dann erschöpft vom Anblick der Erscheinung da und überlegte, was eventuell zu tun war.
Es gab Orte, wo man extrem schöne Frauen treffen konnte, hatte ich mir sagen lassen. Der Barman des Majestic Suites hatte mir diesbezüglich ein paar Tipps gegeben. Aber als ich mir ausmalte, eines dieser Wunderwesen mit auf mein Zimmer zu nehmen, erkannte ich, dass für mich die Zeit für solche Abenteuer längst abgelaufen war. Ich war ein über fünfundsechzigjähriger alter, fettleibiger Asthmatiker und sah vor meinem geistige Auge, wie unmöglich und absurd die Situation wäre, wenn mein vollgefressener Körper mit einem göttlichen weiblichen Wesen im Bett läge und tolpatschig versuchte, sexuelle Befriedigung zu finden. Dieser Zug war für mich abgefahren. Das sah ich mit grossem Bedauern ein.
Zum Trost erinnerte ich mich an ein paar Abenteuer, die ich im Verlaufe meines Lebens an vielen Orten dieses Planeten gehabt hatte, und auf dem Weg ins Hotel machte ich Halt in einem Laden und kaufte Whisky oder Wodka und ein paar Flaschen Bier. Im Zimmer schaltete ich den Fernseher ein und gab mich meiner Trunksucht hin. Nach und nach beruhigte ich mich - bis ich mit einem Mal das Gefühl hatte, Thailändisch zu verstehen.

15.07.2009

Guido, mein Webmaster, hatte die perverse Idee, ich solle was zu meinem Geburtstag am 27. Juli schreiben. Einen derat schmutzigen Antrag hatte ich seit meiner frühen Jugend nicht mehr. Jetzt muss ich zugeben, dass es niemanden gibt auf dem grossen weiten Erdenrund, der oder die mich interessieren würde, um mit ihm oder ihr meinen Geburtstag zu verbringen. Vielleicht mache ich eine Tramfahrt nach Allschwil oder Aesch und gehe dort irgend eine Kleinigkeit essen und eine Grossigkeit trinken. Leute gibt es ja überall. Vielleicht fällt mir jemand positiv auf, und ich kann den Betreffenden oder die Betreffende zu etwas einladen - wenn's hochkommt vielleicht sogar eine Flasche Champagner oder Wein. Mal sehen. Jedenfalls habe ich mich ans Altwerden gewöhnt. Bald bin ich 66. Der Fudo Würgens hat ja gesungen: mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Bei mir ist das nicht so. Ich erwarte mit grosser Vorfreude meinen Abgang, so wie man in einem Stechmückengebiet auf den Bus wartet. Ich bin völlig unfähig, mir etwas Banaleres und Nervtötenderes als eine Existenz auf diesem Planeten vorzustellen. Pfui Teufel. Das einzige Brauchbare ist der Alkohol - und zwar in übergrossen Mengen. Schwupp, ich habe gesprochen.

Webmaster-Info vom 16.07.2009

Nun hat René doch noch etwas zu seinem Geburtstag vom 27. Juli geschrieben, für seine aktualisierte Biographie von 2008, wie es eigentlich gedacht war, und es geht dabei auch wie vorgeschlagen um den 27.07.2008, also um seinen Eintritt in den Ruhestand. Es sei Dir noch viel Unruhe gewünscht, René!

17. Juli 2009, im Angesicht eines drohenden fürchterlichen Gewitters. Und das am Tag vor der Premiere des Basler Tattoos.

Edi ist schon sechzehn Mal in Thailand gewesen und hasst die Juden. Die Tatsache, dass er in Thailand, früher Siam, Bescheid wusste, brachte mich dazu, mit ihm hinzufliegen.
Nach sechs Wochen hatte ich genug von ihm. Beim Fernsehkucken fluchte er unablässig über die Juden. Das hielt ich schliesslich nicht mehr aus. Ich buchte drei Wochen Koh Samui, sowas wie das Mallorca von Thailand. Das Chaweng Cove Resotel liegt direkt am weissen Strand. Es besteht aus zehn bis 15 Bungalows und einem separaten Hotelblock mit riesigen Zimmern. In einem davon war ich untergebracht. Die Bungalows sind für Familien und für eine Person viel zu gross.
Als ich nach zwei, drei Tagen Eingewöhnungszeit das erste Mal ins Meer stieg, erlebte ich eine böse Überraschung. Ich konnte mit nackten Füssen nicht im nassen Sand gehen. Mein Gleichgewichtssinn war offenbar leicht gestört, was ich bisher auf ebenen Gehwegen nicht hatte bemerken können. Ich fiel ins zwanzig Zentimeter tiefe Wasser. Einmal drin bewegte ich mich vom Strand weg, bis das Wasser zum Schwimmen tief genug war.
Als ich genug hatte, schwamm ich zurück und versuchte mich am Strand wieder aufzurichten. Es misslang. Nach einigen vergeblichen Versuchen wurden ein paar Männer aufmerksam und kamen mir zu Hilfe. Mit vereinten Kräften halfen sie mir auf und führten mich zu meinem Liegestuhl, wo mein Hotelbadetuch, meine Slippers und meine Tasche mit dem Buch, das ich gerade las, lagen. Ich legte mich hin und versuchte, das Erlebte zu verdauen. Ich war aus gesundheitlichen Gründen nach Thailand gekommen; ich wollte mich während dreier Monate am Meer erholen und meine Klein-Gebresten loswerden oder zumindest stark lindern. Das hatte in der Vergangenheit stets perfekt funktioniert. Als ich in den achtziger Jahren regelmässig zwischen Arosa, Los Angeles und Maui hin und her pendelte, benötigte ich in der Regel drei Tage am und im Meer und war dann wie neu geboren. Allerdings hatte ich damals nie Probleme mit meinem Gleichgewichtssinn - ausser wenn ich sackbesoffen war.
Zurück in Basel ging ich zum Spezialisten. Er stellte eine leichte aber irreparable Störung meines Gleichgewichtssinnes fest. Man könne nichts machen, es gebe keine geeigneten Medikamente. Sollte ich aber je wieder ans Meer gehen, rate er mir die Verwendung von Badesandalen an und eine Kinderluftmatratze, auf die ich mich abstützen könne.
Vielleicht fahre ich nach der Touristensaison mal für eine Woche oder zehn Tage nach Cannes oder Nizza. Dort gibt es unweit vom Meer das eine oder andere günstige Familienhotel. Auch habe ich von der Thailandreise noch eine ansehnliche Menge Travellers Checques zurück gebracht. Und ein paar Euros liegen auch noch rum und warten darauf, dass sie ausgegeben werden. Ich habe in dieser Schilderung einige kleine Stories ausgelassen, die ich in Koh Samui und andernorts in Thailand erlebt habe. Vielleicht komme ich darauf zurück - wenn Ihr artig seid und keine Bombenanschläge auf Zootiere verübt oder hilflose Leute vermöbelt. Das soll ja heute hip sein.

24.07.2009, noch drei Tage bis zu meinem Sechsundsechzigsten

Grenola Avenue, unweit von Sylvester Stallones Anwesen. Diane war einige Jahre älter als ich, aber immer noch ziemlich gut in Form. Ein mit Diane befreundeter weisshaariger Tennisfreak aus Norddeutschland hatte mir ein Zimmer bei ihr vermittelt. In Pacific Palisades hoch über der Beech zwischen Santa Monica und Malibu. Es war die beste Lage am gesamten Küstenstreifen, wenn man auf einen weiten Ausblick Wert legte.
Ich fuhr jeden Tag zum Santa Monica-Peer, mietete mir Rollschuhe mit damals noch vier paarweise angeordneten Rädchen und flog wie von Hyänen gehetzt über das Betonband, das sich im Sand bis nach Venice schlängelt. Völlig ausgepumpt bestellte ich an einem der Verkaufsstände ein mittelgrosses Cola oder Pepsi light. Sobald ich wieder ruhig atmete, nahm ich den Rückweg unter die Rollen. Ich fuhr unter dem Peer durch, am Vermieter vorbei und weiter auf dem Betonband bis anfangs Malibu. Dort trank ich wieder einen Becher Cola oder Pepsi light, setzte mich auf das Steinmäuerchen neben dem Verkaufsstand und betrachtete die vorbei rollenden Superchicks. Nach einiger Zeit langweilte mich das und ich rauschte zurück zum Vermieter unter dem Peer, gab die Rollschuhe zurück, schlüpfte in meine Alltagslatschen und stieg die breite Holztreppe zum Peer empor. In meiner Lieblingsbar setzte ich mich in einen der bequemen Drehsessel an der Theke und bestellte bei der hübschen jungen Barmaid einen Margarita on the rocks. (Ich hasse Eissplitter). Ich sass da und war rundum zufrieden. Die Margarita hatte ich mir mit meinem Parforceritt über das Betonband redlich verdient - und alle Drinks, die sich im Laufe des Tages noch ergeben mochten, ebenfalls.
Auf der Heimfahrt lenkte ich meinen Wagen vor der Abzweigung in den Sunset nach Pacific Palisades hinauf in den Parkplatz des Safeway und holte mir eine Flasche Bourbon, Wodka oder weissen Baccardi plus ein paar Dosen Cola oder Tonic, Seven up oder Sprite. Zu Hause versorgte ich die Sachen im grossen Kühlschrank und begrüsste Dianes Hund, der seit dem Öffnen der Haustür um mich herum scharwenzelte. Dann ging ich für zwanzig bis dreissig Minuten nach oben in mein Zimmer, legte mich aufs King size-Bett und schaute auf den Ozean hinaus. Wenn mir was einfiel, griff ich nach meinem Heft und schrieb es auf. Es war meist nicht viel Text - Einfälle, Anregungen, Notizen, Sprüche, selten ein Gedicht. Sobald nichts mehr kam, erhob ich mich, ging runter und schaute nach Diane. Meist sass sie an einen Haufen Kissen gelehnt in ihrem Bett, hatte den Telefonhörer in der Hand und gab sich ihren Börsengeschäften hin. Wenn sie mich bemerkte, wedelte sie mit der Hand und flüsterte am Hörer vorbei: "Ich bin gleich fertig. Warte auf mich." Ich nickte und lächelte und ging die paar Schritte zum Balkon, den Hund, eine Art hässlicher aber lieber Cocker Spaniel in schwarzweissbraun im Schlepptau. Ich setzte mich in einen Lehnstuhl, kraulte den Hund hinter den Ohren und blickte in Richtung China und Japan. Wieso Ja-pan?, dachte ich. Weshalb nicht zur Abwechslung mal Nein-pan? Als Diane sich zu mir gesellte, brachte sie eine frische Flasche Baccardi, Eis, Zitrone und Seven ups mit. Ich fragte sie, wie die Börse gelaufen sei, und sie reichte mir ein volles Glas.
"Nicht schlecht", sagte sie, "aber lass uns von was anderem reden, ich war jetzt sechs Stunden ununterbrochen am Hörer."
"Ich war Rollerscating", sagte ich.
"Wie fühlst du dich?" fragte sie.
"Grossartig!"
"Ich sollte auch was tun", seufzte sie, "früher war ich so schlank. Hast du mich mal gesehen in Seventy seven Sunset Strip?"
"Ich habe keine Folge verpasst."
"Ja ja, die Zeit", lachte sie, "komm, wir nehmen noch einen." Sie hatte ihr Glas schon leer.
Es konnte stundenlang so weitergehen. Die Sonne glänzte auf dem Meer, die Gartenblumen leuchteten, und der Hund gab wohlige Geräusche von sich. Wir redetem über meine Funfighter- und GAGA/Golden Age-Pläne und ihre Börsentätigkeit, wo sie mal für eine halbe Stunde lang Schweinehälften besitzen und dann mit kleinem Gewinn verkaufen konnte, was ihr aber immerhin zirka tausend Dollars einbrachte. Und das mehrmals pro Tag.
Das war im Sommer und Frühherbst 1987. Ich war vierundvierzig, hielt mich für alt und hatte keinen Blassen davon, wie mein Leben weitergehen sollte. Irgendwie ging es weiter. Mal herrschte Stillstand, mal Euphorie. Bis heute, drei Tage vor meinem Sechsundsechzigsten. Begeistert bin ich nicht, eher ernüchtert und mitgenommen. Ich habe Bücher veröffentlicht, Theater- und Filmrollen gespielt, Kunst produziert und erfolgreich ausgestellt und mein Glück bei Frauen gesucht und für kurze Zeit gefunden. Das hat mir Erfahrungen eingebracht, und diese sollen ja das Wertvollste im Leben sein. Ich werde wohl als Erfahrungskrösus das Zeitliche segnen.
Hoffentlich dauert's nicht mehr all zu lange bis zum Take off. Ich habe Lust meine Freunde zu treffen, die den Sprung ins Nirwana schon geschafft haben und mich bestimmt mit einem Riesentamtam erwarten.

27. Juli 2009, 03:18 Uhr

Habe soeben Bukowski gelesen. "Lass dich hier nicht blicken" heisst der Text. Es geht um einen, der in Ruhe gelassen werden will. Plötzlich fiel mir ein, dass ich Geburtstag habe und denselben nach dem Schlafen allein feiern werde. Die Tour de France ist vorbei, der Grand Prix von Ungarn ist gelaufen, der FC Basel hat gewonnen. Es kehrt wieder Ruhe ein. Hoffentlich. Ich werde in der Rheinbrücke Jamón Iberico kaufen, schwarze Oliven, ein Stück Fleisch, vermutlich Rindsfilet, edles Brot vom Holzofen, einen guten Roten, Bier, einen Spitzenwhisky, ein paar Coca Zero, etwas aus dem Meer zum Kaltessen, vielleicht eine Schokolade oder sogar eine Stracciatella-Glacé von Haägen Dasz oder auch eine Torte. Aber die würde ich dann beim Sutter Begg neben dem Alte Schluuch erwerben. Dann etwas Obst, eine Flasche Champagner (Roederer, Taittinger oder Perrier Jouët, falls man solche Tropfem führt) und dazu ein leichtes luftiges Gebäck zum Knabbern.
Ich habe schliesslich Geburtstag und bin 66 Jahre alt ("Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an" meint Ludo Würgens). Zu Hause, wenn ich dann den richtigen Pegel habe, hole ich mir im Internet ein paar Anregungen über das Hubble-Teleskop (oder das neue, falls es schon zugänglich ist), das CERN bei Genf, über Quantentheorie, -mechanik und -praxis, Quarks, Hicksteilchen, die Hintergrundstrahlung, neu entdeckte Planeten und dergleichen. Ich werde mir ein paar Bilder aus dem Weltraum anschauen, von Galaxien, Clusters, die heute nicht mehr existieren (oder in völlig anderer Form), von weissen Riesen, schwarzen Löchern usw. Ich werde ein bisschen über die Realität von Zahlen meditieren, zum Beispiel der für mich heute relevanten Zahl 66 im Vergleiche zu 12 bis 15 Milliarden, der Anzahl von Jahren, die je nach Interpretation seit dem Urknall vergangen sein sollen. Wenn ich dann eine Ahnung davon habe, wie bedeutend meine Zahl 66 im Vergleich mit jener des Urknalls ist, nehme ich wieder ein bisschen Erdgeist in Form von Malt Whisky zu mir, hole mich in den Staub der Erde zurück und sinniere über das Naturgesetz, dass nichts vergeht, sondern bloss alles sich wandelt. Dann ist wieder ein Schluck magisches Wässerchen zum Erden nötig, und ich werde ein bisschen über die Relativität von Zahlen meditieren. Wenn ich dann eine Ahnung davon habe, wie bedeutend meine Zahl 66 im Vergleich mit jener des Urknalls ist, nehme ich wieder ein bisschen Erdgeist in Form von Malt Whisky zu mir und hole mich in den Staub der Erde zurück. Dann träume und phantasiere ich über die Zeit und den möglichen Rest meines Urlaubs auf diesem Planeten, über die Rückkehr in meine Heimat, die kosmische Theaterkantine, und das Fest, das meine schon verschwundenen Freunde und Freundinnen dort für mich veranstalten werden. Ich freue mich wie ein Kind auf Weihnachten und hoffe, dass ich, bis es soweit ist, nicht mehr allzu viel Unangenehmes erleben werde hier im Staub des Diesseits. Ich finde es übrigens sehr schade, dass ich in den falschen irdischen Kreisen verkehre, jenen nämlich, die jeden Glauben und jede Hoffnung für doof halten. Vielleicht sollte ich auf meine alten Tage ins Kloster. Aber das wäre betsimmt zu streng für mich. Schon wegen der Medikamente.
Ich erzähle dann, wie der Geburtstag wirklich abgelaufen ist, ob er auf irgend eine Weise etwas gebracht hat, ausser einem Hangover.

28. Juli 2009

Über allen Kipferln ist Ruh'
in ganz Allschwil spürest du
kaum einen Hauch
Warte nur, balde
schnarchest du auch.

1. August 2009, 10:07 Uhr

Erste Strafe

Trittst im Morgenrot daher,
Finger im Arsch,
Seh ich dich im Strahlenmeer,
Finger im Arsch,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Finger im Arsch,
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Finger im Arsch,
Betet, freie Schweizer, betet!
Finger im Arsch,
Eure fromme Seele ahnt,
Finger im Arsch,
Gott im hehren Vaterland,
Finger im Arsch,
Gott, den Herrn, im hehren
Finger im Arsch,
Vaterland.
Finger Im Arsch.

Uri, Stier und Unterhose

2. August 2009, 20:15 Uhr

Ich weiss nicht, wer diese Texte liest und ob sie überhaupt jemand von Relevanz liest. Am 28. Juli, einen Tag nach meinem Geburtstag, hatte ich mal wieder Lust, das I GING, das dreitausend Jahre alte Orakelbuch der Chinesen, zu befragen. Ich bin jetzt 66 und werde langsam unruhig. Mit fünf hatte ich die Vision, dass ich einen Pakt mit der Welt geschlossen hätte, die Entwicklung zu korrigieren, den Kurs der Welt zu ändern. Ich habe vieles an vielen Orten auf der Welt versucht, aber bis heute ist nichts richtig zum Klappen gekommen. Deshalb habe ich das I GING gefragt, wozu ich noch hier sei und ob ich noch etwas Entscheidendes vom Dasein erwarten könne. Ich erhielt zwei Zeichen:
1. "Die Entfremdung" mit zwei wandelnden Linien. Die erste Linie besagte: "Die Vernunft siegt". Die zweite: "Vor aller Augen findest du den Freund, siehst die Idee, der du vertrauen kannst." Die beiden wandelnden Linien machten aus der "Entfremdung" das 2. Zeichen "Die Bestimmung (Die Berufung)". Das Orakel dieses Zeichens sagt: "Horch auf das, was dich bewegt, und lass die inneren Kräfte sich gezielt verwirklichen: Wohin du dich bewegen lässt, zeigt der Welt die Richtung an und Dir. Mit jedem Werk, das abgeschlossen unter deinen Füssen ruht, wächst du, erfüllst den Auftrag deines Lebens. Und mit dir wächst deine Bedeutung für die Welt, den Kosmos, alle manifeste Wirklichkeit, und auch für dich."
Klingt das gaga oder gut? Jedenfalls ziemlich altmodisch, finde ich. Ich kann nur auf die Einsicht, die Inspiration, den Ankick hoffen, damit ich eventuell das auf meine alten Tage noch erledigen kann, was mir im Alter von fünf Jahren in Kleinhüningen prophezeit worden ist. Vielleicht ist das Ganze aber auch völliger Schabernack, und ich bin mit fünf von einer Wahnvorstellung überfallen worden, welche mir meine Freunde im All untergejubelt haben, um sich über mich kaputt lachen zu können. Mich interessiert ja eigentlich bloss der totale Schabernack. Er ist das Einzige, was mich glücklich zu machen vermag. Gelächter bis ans Ende der Zeiten. Aber es ist nicht immer leicht, wenn die Gleichgearteten und -gesinnten fast alle schon weggestorben sind und wohl in der Theaterkantine des Universums darauf warten, dass ich endlich komme, um an der gigantischen Engelsparty teilzunehmen, an der dem Ernst der Garaus gemacht wird.

Wir werden sehen ...

5. August, 03:44

Habe soeben ein Gedicht über eine meiner ersten bewussten Wahrnehmungen des weibliche Kosmos verfasst. Wenn Sie hier klicken, kommen Sie hin.

6. August 2009, eine weitere schlaflose Nacht

Ich lese gerade in dem Buch von Charles Bukowski '439 Gedichte' aus dem Zweitausendeins-Verlag. Manchmal inspiriert mich das so, dass ich das Buch zur Seite lege und zu Papier und Stift greife. Soeben ist es mir so ergangen. Das Gedicht heisst 'Im Paradies' und ist unter WERK abgelegt. Wenn Sie hier klicken, kommen Sie sofort hin.

11. August 2009, zum Nachdenken

1. Die gnadenlose Energie der Unvernunft, das zerstörerische Potential des Blödsinns gegen die Vernichtungskraft der lebensfeindlichen Erscheinungen. Die einzige Chance!

2. Der Tod ist so armselig, er hat nicht einmal Arschbacken, die sich tätscheln lassen.

3. Es gibt Menschen, die mögen den Blödsinn nicht. Das sind die Blödesten der Blöden.
Politiker zum Beispiel. Die glauben ernsthaft, mit Blödsinn lasse sich nichts Vernünftiges erreichen.
Und was sie mit ihrer Vernunft erreichen, ist der reinste Blödsinn. Es sollte sich mal jemand die Mühe machen, die Arbeit der Politiker auf ihre Effizienz und den Nutzen zu untersuchen. Die Irrenhäuser würden vor Verzweifelten überquellen.
Politiker sollten einfach Blut spenden und sonst den Latz halten.

18. August 2009, 02:11

Seit der Mensch in den Baum der Erkenntnis gebissen hat, ist er auf dem Holzweg.

23. August 2009, 06:12, vor dem Insbettgehen!

Alle Lebewesen ausser den Menschen wissen, dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu geniessen. (Samuel Butler)

29. August 2009, 00:21 Uhr

1973. Ich war 29 und wohnte am Andreasplatz unmittelbar neben der Hasenburg, der Kneipe, wo ich meine Tage verbrachte. Ich lag im Bett und dachte über mein Leben nach. Ich hatte vor zehn Jahren die Matura gemacht, dann bei der American Express Co. Inc. und in einer Lampenfabrik Kohle verdient. Ich war 1962 als Neunzehnjähriger mit einem Kumpel nach Paris gefahren und hatte am Pigalle als Greenhorn in einer Nacht die Hälfte meiner Reisekasse verhurt. Nach zwei Wochen fuhren wir per Zug nach London, lernten auf der Fähre im Ärmelkanal den Hollywood-Filmproduzenten Eric Chapman kennen, der uns vom Bahnhof mit dem Rolls Royce zu einer günstigen Pension beim Earls Court chauffierte, wo wir zirka eine Woche blieben und das Breakfast genossen. Da das Geld sehr rasch knapp wurde, bin ich mit der Underground in eine Vorstadt gefahren und habe an Einfamilienhaustüren für das Pestalozzidorf in Trogen Geld gesammelt.
Es kam genug zusammen, dass wir Essen für zwei Personen kaufen konnten. Als wir dann nichts mehr hatten - weder Essen noch Geld - gingen wir zur Botschaft und schilderten unsere Lage. Man gab uns Geld für das Zugbillet und etwas Weniges für unterwegs. In der Pension rissen wir die Seite mit unseren Adressen aus dem Buch und machten uns bei Nach und Nebel aus dem Staub.
Zurück in Basel beantragte ich bei der Stipendienkommission des Erziehungsdepartementes ein Stipendium für die Schauspielschule. Zur fachmännischen Talentbeurteilung bei Oberspielleiter Kur vom Theater Basel erschien ich ziemlich besoffen, nahm mich aber soweit zusammen, dass Kur mich bloss für nervös hielt. Zudem hatte ich die Texte vergessen, an denen ich während Wochen seriös mit dem Tonbandgerät meines Vaters gelernt hatte. An den Inhalt und die Grundstimmung der Szenen konnte ich mich jedoch noch erinnern. Ich wählte die emotionalste: ein Pärchen in einem Sturm am oder im Meer. Ich brüllte und gestikulierte wie ein Wilder und schrie ein paar Sätze, die mir plötzlich wieder einfielen, und konzentrierte mich auf die Diktion, die ich eingeübt hatte. Plötzlich unterbrach mich der Oberspielleiter unverhofft. "Das genügt", sagte er "Sie haben bestanden, wir empfehlen Sie für den Schauspielerberuf."
Und beim Abschiedshändedruck schaute er mich mit einem spitzbübischen Lächeln an uns sagte: "Mein Gott, Herr Schweizer, Sie sind mir aber ein begabter Bursche."
Etwa vier bis fünf Monate hielt ich es in der Schauspielschule aus. Sie war in Zollikon bei Zürich, und ich musste jeden Morgen nach höchstens drei Stunden Schlaf um sechs aus den Federn, um den Sieben-Uhr-Zug zu erwischen. Dann vom Hauptbahnhof Zürich mit der Forch-Strassenbahn den Berg hoch nach Zollikon. Die Schule wurde von Linde Strube, einer uralten Schauspielerin geführt, die noch unter Max Reinhardts Regie gespielt hatte. Da ich jeden Abend bis zur Polizeistunde in der Seibi Bar Ricard soff und mit 3 bis 4 Stunden Schlaf auskommen musste, gab ich die Sache nach ein paar Monaten auf. Ich hatte mir das Ganze auch ganz anders vorgestellt, nicht so anstrengend und nicht so ernst. Mit Pascal, einem Handelsschüler, verschwand ich auf meiner Klappervespa ins Tessin. Auf der Axenstrasse schien plötzlich etwas zu explodieren. So schnell wie möglich stoppte ich das Vehikel, und wir hörten noch wie etwas Metallisches seinen Weg über die Steinbrocken hüpfend zum See hinunter suchte. Pascal als ausgesucht neugieriger Mensch sprang von Stein zu Stein nach unten, wo er den Auspuff, denn um diesen handelte es sich, fatalerweise mit seiner Hand berührte und einen indianischen Feuertanz aufführte. Ich rannte über die Strasse, damit er mich nicht sehen konnte, und hatte Mühe, am Leben zu bleiben, so sehr schüttelte mich das Lachen durch. Immer und immer wieder tauchte das Bild von dem gespielt souveränen Mechaniker Pascal auf, der selbstbewusst nach dem Metallstück greifen wollte und plötzlich hirnlos wie ein von allen guten Geistern Verlassener zu brüllen begann.
Auf der Strecke von Göschenen nach Andermatt hinauf gab die Mühle ihren Geist vollends auf. Wir stellten sie in einer Reparaturwerkstätte ein und schleppten das Gepäck bis zur Postautohaltestelle. In Airolo stiegen wir in den Zug um und kamen nach weiteren zweimal Umsteigen - Bellinzona und Locarno - ziemlich mitgenommen in Ascona an, wo wir noch unser Zelt aufstellen mussten, das wir beide nicht kannten, da Pascal es von irgend jemandem ausgeliehen hatte. Schliesslich war alles bereit für die Nacht, und wir waren plötzlich wach wie nach einer erholsamen Nacht in der frischen Luft.

Eigentlich habe ich keine Lust mehr, Episoden aus meinem debilen Leben zu erzählen. Ich finde, es gibt Wichtigeres und Interessanteres, zum Beispiel die Grundlagen der Schöpfung an sich.
Ich mache das sogleich in Form meines Vermächtnisses, dann bin ich diese Sorge los und kann nach Udo Jürgens' Motto zu leben beginnen: "Mit sechundsechzig Jahren, da fängt das Leben an ..."

Mein Vermächtnis
Wer als inkarniertes Wesen in der Schöpfung lebt und gerne etwas zur Aufklärung der ganzen Sache beitragen möchte, weil er (oder sie) etwa weiss, im allertiefsten Innern weiss, der (oder die) beginnt dann meistens mit esoterischen, religiösen, spirituellen oder sonstwie abgefahrenen Begriffen um sich zu werfen. Kein Wunder, dass niemand ihn (oder sie) versteht. Es ist im Prinzip ganz einfach, wenn man mit Bildern arbeitet. Da haben wir zum Beispiel den Film oder das Theaterstück. Das Leben ist genauso: ein Spielfilm oder ein Theaterstück. Man könnte auch Disney World oder irgend einen Karneval als Beispiel nehmen. Es ist ein Spiel, und wir haben uns das Spiel vor dem Spiel ausgedacht. Um das Spiel wirklich spielen zu können, brauchen wir einen Körper, eine Rolle, ein Kostüm und eine Handlung. Und das Wichtigste: Wir müssen während der Dauer des Spiels vergessen, wer wir sind, das heisst, dass wir ein Spiel spielen. Sonst klappt es nicht. Stellt euch mal einen Hamlet oder einen Faust vor, die sich auf der Bühne plötzlich daran erinnern, dass sie eigentlich die Schauspieler Peter Müller oder Wolfgang Caragrande sind und das den Zuschauern auch lautstark kundgeben. Einige würden vielleicht lachen, aber die Mehrzahl würde sauer und ihr Geld zurück verlangen. Der Prozess des Vergessens scheint aber eigentlich recht gut zu funktionieren.
Vielleicht wussten Menschen wie Jesus oder Buddha, wer sie in Wirlichkeit waren. Aber sagen konnten sie es nicht, weil die Menschen es als Spielfiguren nicht begreifen konnten, da wir ja mit Absicht vergessen hatten, wer wir in Wirklichkeit sind.
Seinen Anfang hat das Ganze in der Leere genommen. Die Leere ist der Bereich oder Zustand, wo das Denken schläft und träumend in allerhöchster Frequenz vor sich hin vibriert, ehe es erwacht und kreativ wird - vielleicht das ominöse Hicksfeld, nach welchem die Wissenschaftler zum Beispiel am neuen CERN bei Genf so konzentriert suchen.
Wenn das Denken mit explosiver Kraft erwacht, ereignet sich ein Urknall. Das Denken staunt in Form einer Erleuchtungsbombe zuerst über seine eigene Existenz (Wow, ich bin das Denken, und ich bin unendlich und allmächtig. Let's have fun!), denn unmittelbar vorher hatte es noch geträumt. Der Vorgang der Selbsterkenntnis des Denkens geschieht im Reiche des Lichtes, das heisst das selbsterkennende Denken wird durch die Verlangsamung seiner Schwingungsfrequenz zu Licht. Das Licht ist verwandeltes Denken, so wie Wasser verwandelter Dampf ist. Das Denken ist das Schöpferische, das Licht das sichtbare Erschaffene, nicht mehr aufzuhalten, wenn es erst einmal in Bewegung ist. Licht ist reine Energie oder Schöpferkraft. Kaum durch das Denken angeknipst, erschafft das Licht ununterbrochen und unablässig Leben in jeder erdenklichen Form. Um Materie erschaffen zu können, muss das Licht seine Schwingungsfrequenz heruntersetzen, bis es sich in unendlich viele Lichtpartikel oder -quanten aufteilt.
Und diese Quanten sind eigenständige, unabhängige, aus Denken oder Bewusstsein bestehende Wesen mit einer unvorstellbaren Phantasie und Schaffenskraft. Sie bilden die Basis für die gesamte materielle oder sogenannt reale Welt. Der Mensch ist seinem Wesen nach ein Lichtquantum oder ein Kind des grossen Denkens, das heisst der Leere, des Nichts. Was wir heute als Welt und Universum kennen, ist das Werk der Kreativität und Phantasie der Lichtquanten, also von uns und unseren Geschwistern. Wir sind sowohl die grössten Geschichtenerzähler als auch die geschicktesten Illusionisten. Aber es ist im Grunde genommen alles egal, weil alles Leere, also letztlich nichts ist, blosse Illusion und Einbildung. Jedenfalls im Prinzip ...

Mein eigenes Stück nähert sich dem Ende. Ich habe noch nicht heraus gefunden, wie man aszendiert. Der Vorhang ist zum Fallen bereit. Was sich mit dem Inhalt dieses Vermächtnisses anstellen lässt, erfahrt Ihr in einigen Tagen - so hoffe ich wenigstens.

1. September 2009, 14:05

Wer in der Lage ist zu glauben, dass wir im Grunde genommen als Teil des unendlichen und allmächtigen Ganzen (siehe Beitrag vom 29. August) selbst unendlich und allmächtig sind, dies aber zum Spass mit Absicht vorübergehend vergessen haben, um mies, behindert, krank und talentlos sein zu können, der kann, wenn er oder sie will, einen Versuch starten. Ich schlage Folgendes vor:

Blätzbums als Heilmethode

"Im Anfang war das Wort" sagt die Bibel. Als Menschen sind wir alle irgendwie schräg, haben alle irgendeinen Defekt, sind innerlich aus dem Lot. Um das auf umfassender Basis zu korrigieren, verwenden wir das Wort, den Grundbaustein des erwachten Denkens. Aus ihm wird Wirklichkeit gebaut, die Realität, welche bloss Schein ist, Illusion, aber mit einer viel stärkeren Realitätskomponente als der Mensch sie mit einem Film oder Theaterstück zu kreieren vermag.
In diesem Versuch verwenden wir das Wort 'Blätzbums', ein Zufallsbegriff, welcher über die Inspiration aus der Leere in die manifestierte Welt gekommen ist. Es hätte auch ein anderes Wort sein können, zum Beispiel Schlippsupp. Aber die Eigenkreativität der Inspiration hat auf die Anfrage 'Blätzbums' geliefert. Und wenn die Inspiration aktiv wird, entsteht: Kunst! Die Kunst ist immer die Rettung, für alles, und zwar, weil sie nicht dem Diktat der Logik unterworfen, sondern völlig frei und unabhängig ist. Es gibt keine andere Kraft mit vergleichbarem Potenzial in der Veränderungsdynamik.
Das Wort - ja welches Wort? Jedes Wort, weil alles im Universum gleichwertig ist; es ist irrelevant, welches. Unser Wort ist Blätzbums. Es ist zufällig gewählt. Wichtig ist sein mitschwingender humoristischer Wert.
Aufgrund der Tatsache, dass Heilkraft im humoristischen Wort liegt, setzen wir es als die simpelste Lösung für alle Probleme aller Menschen ein. Es ist ein Versuch.
Blätzbums ist unser Herr über den Tod, da dieser eh eine Illusion, ein Theatertrick, eigentlich Betrug ist. Das Wort hilft gegen Krankheitserreger, Trugbilder, Wahnvorstellungen, Horrorvisionen, Albträume, Depressionen, Angst, Pleitegeier ... alles. Die Anwendung ist einfach. Sagen Sie jeden Morgen nach dem Erwachen als erstes und jeden Abend vor dem Einschlafen als letztes fünf- bis zehnmal konzentriert 'Blätzbums, Blätzbums, Blätzbums ...' Konzentrieren Sie sich auf die Visionalisierung dessen, was Sie loswerden und auslöschen wollen und dann auf dessen Verschwinden und die Entleerung ihres Unbewusstseins- und Bewusstseinsspeichers. Lassen Sie sich einen persönlichen Blätzbums-Sound zufliessen und diesen die entstandene Leere ausfüllen.

2. September 2009

Gestern Nachmittag. Erlebnis eines Rentners.

Ich war bei der Hautärztin.
Habe einen weissen Fleck
auf der Stirn.
"Ich habe Ihr Bild in einem
Buch gesehen",
sagte sie.
"Ja?"
"Es heisst 'Kürbis'"
"Mit schwarzem Hut", sagte ich.
Sie lächelte.
Ich lächelte auch.
Sie griff zur Dermatologenlupe
und sah sich meinen Fleck an.
Sie lächelte wieder.
"Hatten Sie mal eine Wunde
an dieser Stelle?"
Ich überlegte.
"Ich glaube nicht." Pause.
"Oder erinnere mich nicht.
Es müsste vor langer Zeit gewesen sein."
"Kommen Sie in drei Monaten wieder.
Ich messe es aus und mache
ein Foto. Wenn es nicht
grösser wird, ist es nichts."
"Und die Flecken auf der Brust?"
"Harmlos", sagte sie, "Altersflecken."
"Ah", sagte ich, "dann bin ich beruhigt."
Ich verabschiedete mich
und machte mich aus dem Staub.
Altersflecken! Grausam!
Und so seelenlos dahingesagt.
Ich ging in die Kneipe
und bestellte ein grosses Bier.
Altersflecken! Naja ...

3. September 2009, 19:46 Uhr

Gestern in der Kneipe aufgeschnappt: Alabama und die sieben Räuber.

15.9.2009, 04.24 Uhr

Ob möglich oder nicht, wichtig ist, dass was abläuft

Man kann nicht über das Nichts reden, heisst es, denn Reden sei etwas, und mit etwas könne man nur über etwas reden. Wir könnten nicht nichts tun und damit das Nichts erklären.
Aber das Nichts ist faszinierend. Das schleckt keine Geiss weg! Und mit der Leere ist es auch nicht anders. Die Neunmalklugen sagen, das Nichts und die Leere seien nicht einmal vorstellbar. Aber das ist irrelevant, faszinierend ist dieses Thema allemal.Zudem reden alle fernöstlichen Lebenslehren vom Nichts und der Leere. Sie sind unsere Heimat, sagen sie.
Wir stammen aus der Leere, auch wenn wir uns dies mit unseren jetzigen beschränkten geistigen Möglichkeiten nicht vorzustellen vermögen. Aber wenn ich das Wort Leere in den Mund nehme, dann habe ich das Gefühl, dass hinter meiner Stirn etwas geschieht, etwas Angenehmes, Wohliges. Ich spüre, dass ich von etwas Bekanntem und Vertrauten rede.
Wenn Heerscharen von Denk-Onanisten sagen, das Nichts liesse sich nicht fassen, dann verstehe ich das. Aber es ist mir schnuppe. Lieber blöd mit Leere, als klug ohne sie. Klugheit schränkt ein - nicht anders herum. Das reicht.

15.9.2009, 12:48 Uhr

Junge Idioten

Sie kam aus London.
Tony hatte eine Anzeige
aufgegeben.
Sie war zwanzig,
langes blondes Haar
und Schauspielerin.
Schön wie eine Beethovensonate,
atemberaubend.

Tony hatte sie in Figueras
abgeholt und ihr im Bus
sein Projekt erklärt.

"Machst du mit?" fragte er
mich.
Wir sollten auf dem Dorfplatz
Vorstellungen für die Gäste geben.
"Worum geht's?" fragte ich zurück.
"Um alles!"
Ich nickte.

Wir stiegen mit zwanzig Leuten
zwei Stunden den Berg hoch
zu einer Finca abandonada,
einem leeren Gehöft.

Die Proben waren irre.
Ich verstand nichts.
Auch niemand sonst.
Alle sagten yes.

Vielleicht würde mich
die Erleuchtung später noch packen.

Die Schönheit schminkte sich
weiss und rot,
tanzte ums Haus herum
und sang die Worte
Leche con amor,
Milch und Liebe.

Sie hatte das aufgeschnappt,
und Tony wollte
Spontantheater machen.
Alle sollten sich aus
der Wirklichkeit bedienen.

Nach drei Wochen ging
das Geld aus.
Wir hatten keine Wahl.
Wir mussten auftreten
und Kohle machen.

Tony war Buffalo,
ich war Ubaldo,
und sie war Banana.

Es ging um Eifersucht
und Blödsinn.
Alle wollten die Gunst
der Schönen.

Zu Schluss herrschte
das totale Tohuwabohu.
Die Kinder tobten, sprangen
und rasten umher.
Die normalen Gäste
klätschelten verstohlen.

Das war vor
fünfunddreissig Jahren.

Heute fühle ich mich
etwas besser ...
es geht nur noch um
wenig. Aber das richtig.

15.9.2009

Ratscher Federer

15.9.2009, 23:42 Uhr

Zum Frieden hin

Wenn ich mit achtzehn
gewusst hätte, was mich
erwartet,
wäre ich in eine tiefe
Schlucht gehüpft.
Mit dreissig wäre ich
zu weit ins Meer hinaus
geschwommen.
Mit fünfzig hätte ich
nach Reichtum gestrebt.
Und heute Mitte sechzig
lebe ich im Jetzt und zwinkere
attraktiven Frauen zu,
deren Blick mich
zufällig trifft.
Einige lächeln
und zwinkern zurück,
andere staunen und schmunzeln.
Ich tu dasselbe
und packe die Bierflasche.
Ahhh - angekommen.
Oder?

15.9.2009, 23:44

Verkehrsmeldung. Gefahr auf der N3: Es liegen diverse gefallene Mädchen auf der Fahrbahn. Vorsicht beim Überholen!

20.9.2009, 04:50

Wenn ich ein Wort wäre,
beginge ich Wortbruch
im Steinbruch von Bruchsal,
aber erst nach Einbruch
der Dunkelheit.

20.9.2009, 04:52

Kreuzigung ist kein Heilmittel gegen Verrücktheit. (Osho)

20.9.2009, 04:54 Uhr

1979

Zwischenlandung
in Minneapolis.

Zwei Stunden warten
in der stickigen Transit Hall
um drei Uhr früh,
ohne Service!

Dann mehrere Stunden bis
Mexico City.

Wieder warten.

Endlich Flug nach Puerto Vallarta.
Niemand am Flughafen
trotz telegrafischer Anmeldung.

Das Telegramm traf
Tage später ein.

Der Bruder hatte ein
Telefon und holte mich ab.
Er fuhr mich in die Stadt
zu seiner Schwester
und ihrem Zureiter.

Ich hatte aus dem Duty Free
eine grosse Flasche Wodka
mitgebracht
plus Schweppes.

Nach dem ersten grossen Glas
sah ich hinten links
ein kleines Tier vorbeihuschen.
"Was ist das?", fragte ich.
"Eine Ratte", sagte die Schwester
und hob das Glas.
"Pleite?"
"Total!"
"Wieso das?"
Schulterzucken.
"Röbi, spielt in einer Band",
- das war der Zureiter -
"er wartet auf das erste Geld."
"Aha."

Diese Story
wächst mir über den Kopf.
Ich schaffe es nicht,
an diese Misere zu denken.
Sorry ...

23.9.2009, 05:00

Es gibt nichts zu tun, packen wir's an.

7. Oktober 2009, 13:44, der vierundneunzigste Geburtstag meines Vaters (wenn er noch lebte!)

In etwa einer Viertelstunde kommt meine Haushaltshilfe, um die Fenster zu putzen und abzustauben. Ich muss mich also beeilen. Deshalb nur soviel: Ein Leser dieser Seite hat mir geschrieben. Hier sein Text:

"... Es ist diese Mischung aus tiefgründig, witzig, verquert, herrlich birnenweich, klug, mutig, traurig, und vor allem echt. Es sind denk ich die Parallelen, die die Leser zu sich selber sehen, die hemmungslose Realität, die Anklang findet. Es berührt und im nächsten Moment kann man sich kugeln, nicht nur wegen Blödsinn, sondern wegen Tiefsinn. Lachen macht in der Tat gesund, davon hab ich mich am lebendigen Leibe überzeugt."

Falls sonst noch jemand etwas zu sagen hat - ich hätte nichts dagegen; es geht rein wie Honig.
Allen meinen Lesern danke ich für Ihre Geduld mit mir - weil ich so undiszipliniert bin - und hoffe, dass sich das irgendwann einmal bessert. Obwohl: Ich empfinde Panik, wenn ich dran denke, jeden Tag einen Beitrag schreiben zu müssen ... auch wegen meines Webmasters, dem ich das nicht zumuten will. Er hat nämlich noch anderes zu tun.
Halleluja zomm (="zusammen" auf bayrisch!)

Euer Sepp Immanuel Wolkenketchup

Webmaster Info vom 07.10.2009

Lieber René, ein Aktuell-Eintrag pro Tag ist durchaus bewältigbar, wenn auch manchmal nicht ganz so zeitnah wie gewünscht. Kein Problem. Aber wenn es deren fünf Einträge pro Tag sind (wie am 15.09.2009), dann fühle ich manchmal schon ein kleinwenig belastet.

Sonntag, 11. Oktober 2009, 04:26 Uhr

Das Langweiligste, das mir je untergekommen ist, bin ich selbst. Ich weiss nicht wieso, denn ich habe nicht die geringste Ahnung, wer oder was ich bin. Was ich nicht bin, ist leichter zu beantworten: Ich bin kein Pyjama, kein Hundekuchen, kein Kreuzworträtsel oder Bergsturz und kein Imker oder Schneider, Olympiasieger, Koch oder Polarforscher. Nehmen Sie ein Wörterbuch oder Lexikon zur Hand. Alles darin An- oder Aufgeführte bin ich nicht. Ich bin etwas anderes, etwas für mich Unfassbares, Unergründliches, Ungarisches, Ungehöriges und Unmögliches, Inexistentes oder Vorläufiges; aber kein Schachbrett oder Jodelpass.
Es tut weh, wenn man erkennt, dass man ein Fragezeichen ist ... Und was machen SIE am nächsten Montag? Gruss aus der Leere

Peter Alexander

18. Oktober 2009, 04:28, Nachtschicht im Wolkenkuckucksheim

Liebe und Lachen

Durch die Liebe zum Lachen.
Durch das Lachen zur Liebe.
Die Kindlichkeit pflegen, um sie nicht zu verlieren.
Das Naive, Einfache, Anspruchslose,
die Mortadella, das Négligée, der Hollywood Blvd.,
Sardellen an einer Cowboyhosenträgersauce
und dann wieder die Liebe und das Lachen und ein Steinbruch in Guatemala mit tanzenden Guatemalteken
und meine Grossmutter, wenn sie Schillers Glocke und den Taucher und die Bürgschaft auswändig aufsagt. Und meine Liebe zu ihr und zu ihrer unendlichen Güte und das Spiegelei der Kleopatra, Schwarzeneggers Hosenladen, der Fluch der Kennedys und die rote Zora und Amsterdam und die Mondlandung und Muhammad Ali, Gorbatschoff und King Crimson.
So oder ungefähr ist das Leben. Die Liebe, das Lachen und das Leben.
Nur Hitler und Konsorten passen da nicht richtig rein. Sie sind eher gottverfluchte Arschlöcher und ohne Führerschein fürs arme Schwein, ohne Lachen, Liebe und ohne echtes Leben. Kaulquappige Karikaturen aus der Hand Gottes.
Rauchen ist tödlich, Poppen kann zu neuem Leben führen, Bier macht geschwätzig. Wenn Du zum Weibe gehst, vergiss den Gummi nicht.
Im Centre Pompidou wird eines Tages eine geschmackvolle Installation mit den Elementen dieses Textes auf- und ausgestellt. Dann wird es in der Broschüre heissen: Inspiration Joe Francobollo. Das ist einer meiner Künstlernämen (Nämen ist zwar falsch, aber ich bin ein Künstler - oder behaupte es wenigstens - und da ist oft manches falsch!)
Hoch auf dem gelben Wagen lacht die Liebe mit Grogg und Einstein um die Wette. Und schon wieder verstummt ein singenden Pottwal mit hundert Speeren im Leib, weil ein Hitlerianer keine Gefühle kennt.
Abbruch aufgehoben.

Der Schwarze Peter

6. Dezember 2009, 12:47 Uhr, bedeckt, niedergeschlagen und abgewürgt

Ich bin zurück. Ich war in der Chrischona Klinik. Fünf Wochen lang. Im Zimmer mit einem uralten Mann. Unmengen Rollstühle, Krückstöcke, Rollatoren und andere Gehhilfen.
Im Speisesaal jeweils einige tausend Jahre an Menschenleben am Süppchen Schlürfen, Breie Löffeln und verkochtes Gemüse im Munde Zerquetschen. Die Meisten Jährchen, Monate, Wochen oder Stunden vom Übertritt in Manitous Jagdgründe entfernt. Schwestern, Therapeutinnen, Angestellte aus Büros, Küche und Service - viele junge, kraftvoll und gesund, einige hübsch, eine, mit der man sein Leben verbringen möchte, wenn man jung wäre ... Ich habe erkannt, dass der Rückblick auf meine letzten fünfzig Jahre mich nicht befriedigt oder gar mit Freude oder Stolz erfüllte. Ich weiss aber nicht, wieso das so ist. Viele bewundern mich und staunen über mein Werk. Vielleicht habe ich etwas falsch gemacht. Oder mache jetzt etwas falsch. Vielleicht ist alles zu schnell vorüber gehuscht. Ich habe zu wenig genossen, zu wenig kreiert, zu wenig geliebt, zu wenig ... von allem zu wenig!
Sogar die Knastzeit war vielleicht zu kurz. Oder ich leide an Gedächtnisschwund. Es ist anstrengend, sich bewusst zu erinnern - die Bücher, veröffentlicht oder in der Schublade liegend, die paar gemalten Bilder (siehe Fritzenkunst), die paar Songs, die ich aufgenommen habe... Aber keine Frau - keine einzige - mit der ich wirkliche Nähe gelebt habe, hätte er-leben können. So wie das offenbar vielen passiert. Ich frage mich, wie, weshalb und wozu. Wo ist der viel gepriesene Sinn der Philosophen und Religionstäter? Ich habe es ein paarmal versucht, aber jedesmal wurde es vom Winde verweht - keine Tiefe mit Wurzeln, bloss Fremdsein, Erkenntnis der Unverbundenheit, des verblüffenden Andersseins. Das Nahesein verflüchtigte sich wie Azeton, selbst bei und mit Tieren.
Ich habe ein Leben gelebt, von dem ich nicht weiss, was sich darüber sagen liesse. Von aussen gesehen war es vielleicht interessant. Ich habe sogar Neid kennen gelernt - wegen meiner TV-Auftritte und den Radio-Interviews, den Presseartikeln und Bekanntheit. Aber solches ist nichts, völlig bedeutungs- und wertlos, blanker Schund ohne echten Wirklichkeitsbezug. Was noch zu hoffen ist: dass mich die Erleuchtung aufstöbert und anfällt und ihren Lichtblitz in meinem Hirn zur Explosion bringt und es mit unerklärlicher aber bleibender Erkenntnis über die Schöpfung erfüllt. Ohne diese ist mein Vesuch, einen Sinn zu finden, das Wozu zu beantworten, gescheitert... wie bei unzähligen Forschern und Künstlern. Es bleibt ein alter Narr, der sich dem Fluss der Naturgesetze und der Zeit ergibt, weil er alles andere versucht zu haben glaubt... das Warten auf die letzte Klappe in einem bedeutungslosen Film, für den sich kein Mensch, kein Gott und kein Buddha interessiert - das Tor zur letzten Stille und endgültigen Ruhe. Hoffentlich!

8.12.2009, 21:00 Uhr, Umweltgipfel in Kopenhagen

Wenn ich mir die Leute - um nicht zu sagen uneinsichtigen Arschlöcher - ansehe, die da auf dem Bildschirm herumquatschen, als hätten sie noch irgend etwas Relevantes zu berichten, dann kann ich noch nicht einmal mehr zynisch lachen.
Mir fällt als erstes ein, dass ich keine Kinder habe und auch sonst ungebunden und emotional frei bin. Mir kann es also mit meinen sechsundsechzig Jahren völlig egal sein, wohin dieser Planet trudelt. Ich habe ihn im Wesentlichen gesehen und kann mich eigentlich verabschieden und nach etwas anderem umsehen.
Als ich mal über den Inhalt meiner Vision nachgesonnen habe, die ich als Fünf- oder Sechsjähriger hatte, hat sich in meinem Hirn die Frage gebildet, ob ich nicht vielleicht ein Agent bin, dessen Job es ist, Planeten zu beurteilen und eine Empfehlung über deren Zukunft abzugeben. Wenn ich dies jetzt in diesem Augenblick für die Erde tun müsste, würde ich sagen: Liquidiert die irdischen Zivilisationen en bloc und lasst den Planeten für ein paar tausend Jahre in Ruhe mit den verbleibenden Urmenschen, die sich noch in den Wäldern aufhalten. Aber die sogenannten Zivilisationen müssen definitiv verschwinden, wenn der Planet überleben soll. Sie sind schädlich für die Idee der Existenz und psychisch unrettbar vergiftet. Ein allfälliges Gegenmittel ist meines Wissens unbekannt im Kosmos.

Vielleicht habe ich damit meine Aufgabe erfüllt und werde in den nächsten Stunden oder Tagen von einem luxuriösen Raumschiff abgeholt und auf meine geliebten Plejaden zurück gebracht.



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