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Alexander Schulz:
Von der "Kristall" zur "Zenit E" - Entwicklung der KMZ-Kameras

"Vorgestellt wird die Zenit. Die richtige Leicaflex möge sich bitte erheben.", beginnt Rick Oleson den Beitrag über die russische Zenit-Kamera auf seiner Homepage. (Anm. 1)



Beeindruckt von der Contax S, die im Jahre 1949 auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt wurde, wünschten sich die Leica-Benutzer damals nichts sehnlicher als eine 35 mm Prismensucherkamera von der Größe, dem Gewicht, der Einfachheit und den sonstigen Eigenschaften der klassischen Leica-Entfernungsmesserkamera. Eine Herausforderung, mit der sich die Leica-Konstrukteure jahrelang abmühten, bis schließlich 1964 die Leicaflex erschien, eine Kamera, welche die gleiche Ähnlichkeit mit der klassischen Leica aufwies wie ein Mercedes-Omnibus mit einem 300 SL mit Flügeltüren. "Beide stammten aus demselben Stall, waren aber verschiedene Tiere", schreibt wiederum treffend Rick Oleson.

Stattdessen gelang bereits 1951 den Russen der große Wurf. Die Original-Zenit, entwickelt auf der Grundlage der Zorki 1, war indirekt so sehr der Leica II verbunden, dass sogar die Bodenplatten untereinander austauschbar waren, und sie benutzte ebenfalls das Leica 39 mm Objektivgewinde, wenn auch, durch das Spiegelgehäuse bedingt, die Objektive ein anderes Auflagemaß besaßen.

Allerdings wurde der Name "Zenit" in der Folge immer mehr zum Gattungsbegriff für alle möglichen Spiegelreflexkameras, die bei KMZ (Krasnogorski Mekhanicheskii Zavod) gebaut wurden, ähnlich wie der Name Praktica in den späten DDR-Zeiten und nach der Wende für alle und jede Kamera, inklusive in jüngster Zeit für Digitalkameras anonymer japanischer Provenienz, herhalten musste.

Die "Kristall"-Kamera

Nur eine Kamera tanzte damals, Anfang der sechziger Jahre, in Krasnogorsk aus der Reihe: die Kristall, obwohl sie eine waschechte Zenit-Kamera mit allen deren Merkmalen darstellte. Wie die Zenit 3, die 1960 auf dem Markt erschien, trägt sie deutlich die Handschrift von Nikolaj Michailowitsh Marenkov, der seit Beginn der fünfziger Jahre in wachsendem Maße den KMZ-Kameras den Stempel seiner Ideen aufdrückte. (Anm. 2) Herausragendes Beispiel für seinen Einfluss auf die Neuentwicklungen in Krasnogorsk ist die "Rodina" von 1952, welche die besten Eigenschaften der Leica III und der Contax II in sich vereinigte, sich aber in der Herstellung wegen der nur schwer einzuhaltenden Toleranzen als zu teuer erwies, so dass schließlich der Zorki 3 von 1951, ebenfalls einer Konstruktion von N.M. Marenkov, der Vorzug gegeben wurde. (Anm. 3)


Abb. 1 (links): Nikolaj Michailowitsh Marenkov. Abbildung aus B.L. Rapoport: Mastera Optiki, Moskau 1983

Abb. 2 (oben): Nikolaj Michailowitsh Marenkov und das Zenit-Entwicklungsteam

Die Kristall wurde lediglich in den Jahren 1961 und 1962 hergestellt. Sie ist damit die kurzlebigste Kamera aus der frühen Zenit-Reihe und mit 65.433 Exemplaren, wenn man diesen Zahlen vertrauen darf, für russische Verhältnisse eine der selteneren. Der Grund, warum die Kristall so rasch vom Markt zurückgezogen wurde, ist nicht etwa in Qualitätsmängeln begründet. Im Gegenteil, die Zenit 3M, die von 1962 bis 1970 in der beachtlichen Stückzahl von 781.678 produziert wurde, ist technisch mit der Kristall identisch. Vielmehr waren Missgriffe in der Formgestaltung für den Misserfolg der Kristall verantwortlich. Die in einer Hammerschlag-Lackierung gehaltenen Metallteile ließen eher an ein Werkzeug denken als an eine Kamera. Deshalb gab es sie auch mit matt verchromten Metallteilen. Aber auch das nützte wenig, denn die vierfach gerippte Prismenabdeckung wurde ebenfalls heftig kritisiert, da sie an die Kühlerhaube eines russischen Lastkraftwagens jener Zeit erinnerte. (Anm. 4)

Abb. 3: "Kristall", Gehäuse-Nr. 61008908, Ausführung in Hammerschlag-Lackierung

Abb. 4: "Kristall", Gehäuse-Nr. 6121914, verchromte Ausführung

Wenn also auch keine Schönheit, so bot die Kristall einige bedeutsame Verbesserungen im Vergleich zu ihrem Vorgängermodell, der Zenit 3:

  • Sie besaß einen Schnellspannhebel mit integriertem Auslöserknopf, den sie von der Zorki 5 (1958-1959) entlehnt hatte. Dieses Prinzip wurde nicht nur von der Zenit 3M übernommen, sondern auch von der Zenit B und Zenit E, die bis 1978 beziehungsweise 1982 gebaut wurden.
  • War vorher der Synchro-Selektor in Millisekunden eingeteilt, so war er jetzt auf "X" beziehungsweise "M" umstellbar. Für diese Neuerung scheint es innerhalb der Zenit-Zorki-Baureihe kein Vorbild gegeben zu haben, dürfte also eine erstmals bei der Kristall eingeführte Veränderung sein.
  • Der bisherige Rückspulring um den Auslöser wurde durch einen separaten Druckknopf in der Art der Zorki 5 (1958) ersetzt.
  • Der Rückspulknopf war vergrößert und hatte eine Filmmerkscheibe ebenfalls in der Art der Zorki 5.
  • Die für die Leica typische abnehmbare Bodenplatte wurde aufgegeben und eine angelenkte Rückwand wie bei der Zorki 6 (1959) eingeführt.

Wie schon bei den FED-Kameras, aus denen 1948 die KMZ-Kameras hervorgingen, offenbart sich auch bei den Modellen aus Krasnogorsk ein Eklektizismus, indem Elemente verschiedener bereits bestehender Kameras neu arrangiert und durch innovative ergänzt wurden, so dass schließlich neue Kameras entstanden, wie dies auch bei der Kristall der Fall war.

Die erste "Kristall 2"

Denn N.M. Marenkov blieb keineswegs bei dem einmal Erreichten stehen, sondern versuchte sich immer wieder mit Neuerungen. Beispiel hierfür sind die beiden Prototypen "Kristall 2", die zwar den gleichen Namen tragen, sich aber in ihren Spezifikationen voneinander unterscheiden.

Die eine Kamera stammt laut Ausweis ihrer Gehäuse-Nr. 61000559 aus dem Jahre 1961. (Anm. 5) Sie trägt den Namen "Kristall" in kyrillischen Schreibschrift, ergänzt durch eine in die Mitte gesetzte große "2". Anders als ihre normalen Geschwister, deren Gehäuse in Schwarz gehalten sind und nur der Aufbau in der Hammerschlaglackierung beziehungsweise verchromt erscheint, sind bei dieser "Kristall 2" auch die freiliegenden Metallflächen des Gehäuses verchromt. Im übrigen unterscheidet sich diese Kamera von ihrem Äußeren her nicht von einer herkömmlichen Kristall-Kamera.

Abb. 5: "Kristall 2" erste Ausführung, Gehäuse-Nr. 61000559 (abgebildet mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Milos Mladek)

Abb. 6: "Kristall 2" erste Ausführung, Gehäuse-Nr. 61000559, Aufsicht (abgebildet mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Milos Mladek)

Diese Kamera besitzt noch die kurze Zeitenreihe: 1/30 s, 1/60 s, 1/100 s, 1/250 s, 1/500 s sowie B. Ferner hat sie an der Zeiteinstellscheibe noch den X- und M-Selektor der Serien-Kristall.

In ihrem Innern jedoch beherbergt diese Kamera einen Rückkehrspiegel. "Herzstück dieser Konstruktion ist ein etwa 250 Grad runder Blechzylinder, der den Spiegel anhebt. Letzterer ist federbelastet und kehrt von selbst in die abgesenkte Stellung zurück, sobald er nicht mehr durch den sich drehenden Zylinder angehoben wird. Beim Spannen des Verschlusses wird der Finger, der über eine Übersetzung später den Spiegel anhebt, zunächst durch eine entsprechende den Finger nach unten weisende Abschrägung unter den Zylinder gedrückt. Dieser dreht sich über ihm um 360 Grad, wobei der Finger auf den letzten etwa 110 Grad minimal nach oben schnappt (weil er nicht mehr an der Unterseite des Zylinders schleift, denn der Zylinder ist ja nur etwa 250 Grad gebogen, er beschreibt also etwa einen Dreiviertelkreis, keinen vollen Kreis). Schließlich gleicht der Zustand vollkommen dem Ausgangszustand, allerdings mit dem Unterschied, dass der Mechanismus gespannt ist und der Zylinder sich nun durch die Federkraft um 360 Grad zurückdrehen könnte. Beim Auslösen geschieht dies auch, wobei jetzt der Finger auf eine anders geformte Nase an der anderen Kante des Drehzylinders trifft, die ihn nach oben drückt, wobei über die erwähnte Übersetzung der Spiegel angehoben wird. Wenn der Zylinder fast das Ende seiner Drehbewegung von 360 Grad in umgekehrter Richtung zurückgelegt hat, endet der Zylinder und der Finger rutscht nach unten, wodurch der Spiegel abgesenkt wird" (Milos Mladek).

Ein einfacher sinnreicher Mechanismus, der deshalb so ausführlich beschrieben wurde, weil er auch bei der nächsten bekannt gewordenen "Kristall 2" sowie einem Prototyp der Zenit 3M, der "Zenit 3 EM", angewandt wurde, bis er schließlich bei der Zenit E in millionenfache Serie ging.

Die zweite "Kristall 2"

Die zweite "Kristall 2" ist gleich in zwei Exemplaren bekannt geworden. Die eine besitzt einen Aufbau in der bekannten Hammerschlaglackierung, (Anm. 6) die Oberseite der zweiten Kamera, die hier beschrieben werden soll, ist verchromt. Die Metallteile des übrigen Gehäuses sind schwarz lackiert. Datieren lässt sich dieses Exemplar nicht genau, denn auf der Rückseite trägt sie unter dem KMZ-Prisma lediglich die Gehäuse-Nr. 00003.

Abb. 7: "Kristall 2", zweite Ausführung, mit eingebautem, ungekuppeltem Belichtungsmesser, Gehäuse-Nr. 00003

Abb. 8: Mechanik des Rückkehrspiegels der "Kristall 2", zweite Ausführung, Gehäuse-Nr. 00003

Das Neue an dieser Kamera sind der Verschluss mit der geometrisch gestuften Zeitenreihe in den Bereichen 1/2 s, 1/4 s, 1/8 s, 1/15 s, 1/30 s, 1/60 s, 1/125 s, 1/250 s, 1/500 s sowie B, die an einer einzigen Einstellscheibe eingestellt werden. Das für die langen Zeiten notwendige Hemmwerk findet sich ähnlich bei der Zorki 3S (1955) sowie bei der Zorki 4 (1956) wieder. (Anm. 7)

Weiter ist bei dieser Kamera auf den an der Zeiteinstellscheibe befindlichen X- und M-Selektor der Serien-Kristall verzichtet. Stattdessen finden sich seitlich zwei Normbuchsen für den X- und M-Anschluß in der Art der Zorki 5 (1958). Soweit also die eklektizistischen Übernahmen von anderen KMZ-Kameras.

An Neuerungen besitzt diese Kamera den bereits von der ersten "Kristall 2" bekannten Rückkehrspiegel sowie einen schon vom Äußeren her sofort ins Auge springenden eingebauten, ungekuppelten Belichtungsmesser, dessen Selenelement sich genau in der Mitte des Kameravorbaus befindet, darunter die Typenbezeichnung in kyrillischer Schreibschrift: "Kristall 2". Schließlich ist die Kamera mit einem Schnittbildentfernungsmesser versehen. Bis auf eine Vorwahlspringblende war also die zweite "Kristall 2" mit allem technischen Pomp ausgestattet, wie ihn beispielsweise erst die Praktica V FB von 1965 aufwies.

"Zenit 3 EM"

Dieser Prototyp stammt laut seiner Gehäuse-Nr. 64027660 aus dem Jahre 1964. Von seiner Spezifikation her ist die Kamera ähnlich wie die zweite "Kristall 2", nur dass wieder auf den alten Verschluss mit integriertem X- und M-Selektor zurückgegriffen und auf den Schnittbildentfernungsmesser verzichtet wurde. Damit entspricht diese Kamera technisch der Zenit E, die ein Jahr später, 1965, in Serie ging. Auch letztere Kamera besaß bis zum Herbst 1967 einen M39-Objektivanschluß. (Anm. 8) Ferner besaß die Zenit E wohl bereits von Anfang an einen Rückkehrspiegel. Jedenfalls ist bis heute keine Kamera dieses Typs bekannt geworden, die noch einen herkömmlichen Spiegel besaß, der erst nach Spannen des Verschlusses in die Ausgangsposition zurückkehrte. (Anm. 9)

Abb. 9: "Zenit 3 EM" von 1964, Gehäuse-Nr. 64027660

Abb. 10: "Zenit 3 EM" von 1964, Gehäuse-Nr. 64027660, Aufsicht

Mit ihren zwischen 1965 und 1981 exakt 3.334.540 gebauten Exemplaren, zu denen noch 1 im Jahre 1982 hinzukam, verdient die Zenit E einen Eintag in das Guinness-Buch der Rekorde. (Anm. 10)

Abb. 11: Zenit E, Gehäuse-Nr. 66012459, mit Rückkehrspiegel und M39-Objektivanschluß

Anmerkungen

1) Zitiert nach Rick Oleson: "Zenit: Will the real Leicaflex please stand up?" (http://rick_oleson.tripod.com/index-9.html).

2) So wird N.M. Marenkov bei B.L. Rapoport: Mastera Optiki. Moskau 1983, bei der Behandlung der 50er Jahre wiederholt genannt, beispielsweise dass seine Arbeitsbrigade im Jahre 1958 durch Vereinfachungen am Zorki-Gehäuse eine Zeitersparnis bei der Montage der Kamera erreichten, wodurch sich Herstellung der Kamera verbilligte (S. 114).

3) Jean Loup Princelle: The authentic guide to Russian and Soviet cameras, St. Helier, Jersey, Channel Islands, 1995, S. 94.

4) Princelle, a.a.O. S. 106 f.

5) Diese "Kristall 2" befindet sich im Besitz von Dr. Milos Mladek Wien, der freundlicherweise Fotos von seiner Kamera zur Veröffentlichung zur Verfügung stellte, und von dem auch die Beschreibung des Rückkehrspiegel-Mechanismus stammt.

6) Beschreibung von Dr. Milos Mladek, der diese Kamera in der Hand gehabt hatte.

7) Isaak S. Maizenberg: All You Need to Know About Design and Repair of Russian Cameras, 1996, S. 174 f.

8) Tom A.H. Piel: Zenit E, Fan and Userpage (http://www.xs4all.nl/~tomtiger/zenit.html).

9) Vgl. dagegen Princelle, a.a.O., S. 110, wonach die ersten Zenit E-Kameras noch ohne Rückkehrspiegel gebaut wurden.

10) Princelle, a.a.O., S. 110.

Rechte

Im März 2008 akualisierte Fassung eines Aufsatzes in Photographica Cabinett 29/2003, alle Rechte liegen bei Alexander Schulz, Eppelsheim.

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08.04.2008



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Alle Rechte © Guido Studer, Basel - Letzte Änderung: 16.04.2008